Bogomilen – die ersten Tierfreunde und Veganer auf dem Balkan?

Waren die Bogomilen im Mittelalter Tierfreunde und sogar die ersten Veganer auf dem Balkan? Vieles deutet darauf hin. Sie mieden aus innerer Überzeugung alle tierischen Lebensmittel wie Fleisch, Milch, Käse und Eier – und glaubten an die Einheit von Gottes Schöpfung, von der auch Jesus von Nazareth schon gekündet hatte.
Eine Tischgesellschaft der Bogomilen in freier Natur

Die Bewegung der Bogomilen – sie nannten sich selbst oft „gute Menschen“ oder „gute Christen“ – entstand in Bulgarien und verbreitete sich vom 9. bis ins 15. Jahrhundert über Mazedonien, Serbien, Montenegro und Bosnien-Herzegowina bis nach Dalmatien. Und weit darüber hinaus: Intensive Kontakte zu den Katharern in Südfrankreich und Italien sind belegt.

Die vegane Lebensweise der Bogomilen und Gottes Gebot "Du sollst nicht töten"

Doch was glaubten die Bogomilen, und wie lebten sie? Aufgrund intensiver Verfolgung und Vertreibung durch orthodoxe und katholische Kircheninstitutionen und Machthaber wurden die meisten Zeugnisse dieser Glaubensbewegung vernichtet. Einige Belege jedoch blieben in Stadt- und Kirchenarchiven erhalten. Sie zeichnen das Bild von Menschen, die tierische Lebensmittel aus Gründen des Glaubens konsequent mieden und das Gottesgebot „Du sollst nicht töten“ auf jedes von Gott geschaffene Leben bezogen – seien es Menschen oder eben auch Tiere.

Der serbische Historiker Željko Fajfrić schreibt über die Bogomilen in Serbien im 12. und 13. Jahrhundert: „Sie beschäftigten sich nicht mit dem Handel, sondern fast ausschließlich mit der Landwirtschaft und dem Handwerk. Ihre Kleidung war einfarbig ohne starke Farben, ihre Nahrung ausschließlich pflanzlich – verboten waren ihnen Fleisch, Milch, Käse, Eier. Sie lebten ausschließlich von Brot, Früchten und Gemüse.“ 1

Früchte und Nüsse

Und der kroatische Historiker Dominik Mandić, selbst Katholik und Franziskaner, beschreibt die vegane Lebensweise der Bogomilen in Bosnien-Herzegowina: „Die bosnischen Christen fasteten streng und aßen weder Fleisch noch irgendwelche tierischen Erzeugnisse. Sie erachteten das als innere Anforderung ihres Glaubensbekenntnisses, begründet im göttlichen Gebot. Im Verzeichnis der Irrtümer der bosnischen Christen, Punkt 30, aus dem 14. Jahrhundert steht: ‚Sie verurteilen das Essen von Fleisch und allem, was vom Leibe kommt, und behaupten, dass jene nicht errettet werden können, die Fleisch und Gepökeltes essen.‘ Ähnliches wird im 5. Abschnitt des Disputs zwischen einem Romkatholiken und einem bosnischen Patarener behauptet. Auch in diesem Punkt stimmten die bosnischen Christen mit den westlichen Katharern überein.“ 2

Der italienische Inquisitor Rainerius Sacconi charakterisierte die dortigen Katharer unter anderem mit den folgenden Worten: „Des weiteren glauben sie, dass das Essen von Fleisch, Eiern oder Käse, sogar in drängender Not, eine Todsünde sei …“ 3

Auch die von den Bogomilen inspirierten Gemeinden der Katharer in Südfrankreich hielten es eindeutig: „Diese Kirche nimmt Abstand vom Töten, noch stimmt sie zu, dass andere töten dürfen. Denn unser Herr Jesus Christus sagt: Wenn du in das Leben eingehen möchtest, sollst du nicht töten.“ heißt es in der katharischen Schrift Die Verteidigung der Kirche Gottes aus dem Jahr 1250. 4

Bogomilen und Katholiken: Gegner und Befürworter von "Götzenopferfleisch"

In der von Mandić erwähnten katholischen Streitschrift5 gegen die Bogomilen wird eine theologische Debatte, wie es in der damaligen Epoche häufig üblich war, ausführlich dargelegt. Diese Art von Text diente katholischen Predigern als „Leitfaden“, wie mit den Lehren der Ketzer umzugehen sei, und wie man ihre Argumente als „guter Katholik“ mit entsprechenden Zitaten aus der Bibel im Sinne der Romkirche zu entkräften hatte. Das Kapitel „Vom Genuss des Fleisches“ enthält in lateinischer Sprache den folgenden Dialog:

Der Bogomile: Wir sagen, dass der verurteilt ist, der Fleisch isst oder was vom Blute oder dem Ei geboren wurde, und blutige Dinge.
Der Romkatholik: Doch wir sagen das Gegenteil … Denn dass Gott den Menschen das Fleisch gegeben hat, damit sie es essen, sieht man im Psalm, der da heißt: Er [Gott] ließ Fleisch auf sie regnen wie Staub, gefiederte Vögel wie Sand am Meer … Da aßen alle und wurden satt; er hatte ihnen gebracht, was sie begehrten.“
6

„Die Bogomilen nannten sich von Anfang an Christen. Die Grundlage ihrer Lehre bildete das Neue Testament.“ erklärt die Bogomilen-Kennerin Katja Papasov. 7 Daher beruft sich denn auch der Bogomile im weiteren Verlauf des Streitgesprächs mit dem Romkatholiken auf den ersten Korinther-Brief von Apostel Paulus aus dem Neuen Testament. Darin geht es um das „Götzenopferfleisch“ und darum, davon Abstand zu nehmen:

„Was nun das Essen von Götzenopferfleisch angeht, so wissen wir, dass es keine Götzen gibt in der Welt und keinen Gott außer dem einen. Und selbst wenn es im Himmel oder auf der Erde sogenannte Götter gibt – und solche Götter und Herren gibt es viele –, so haben doch wir nur einen Gott, den Vater. Von ihm stammt alles und wir leben auf ihn hin. Und einer ist der Herr: Jesus Christus. Durch ihn ist alles, und wir sind durch ihn. Aber nicht alle haben die Erkenntnis.

Szene aus dem Alten Testament der Bibel: Kain und Abel verbrennen ein Schaf als Tieropfer
Szene aus dem Alten Testament der Bibel: Kain und Abel verbrennen ein Lamm als Tieropfer

Einige, die von ihren Götzen nicht loskommen, essen das Fleisch noch als Götzenopferfleisch und so wird ihr schwaches Gewissen befleckt. Zwar kann uns keine Speise vor Gottes Gericht bringen. Wenn wir nicht essen, verlieren wir nichts, und wenn wir essen, gewinnen wir nichts.

Doch gebt Acht, dass diese eure Freiheit nicht den Schwachen zum Anstoß wird. Wenn nämlich einer dich, der du Erkenntnis hast, im Götzentempel beim Mahl sieht, wird dann nicht sein Gewissen, da er schwach ist, verleitet, auch Götzenopferfleisch zu essen? 

Der Schwache geht an deiner ‚Erkenntnis‘ zugrunde, er, dein Bruder, für den Christus gestorben ist. Wenn ihr euch auf diese Weise gegen eure Brüder versündigt und ihr schwaches Gewissen verletzt, versündigt ihr euch gegen Christus. Wenn darum eine Speise meinem Bruder zum Anstoß wird, will ich überhaupt kein Fleisch mehr essen, um meinem Bruder keinen Anstoß zu geben.“ 8

Der Glaube an die Einheit von Mensch und Tier – und an die "Neue Erde"

In den wenigen trotz kirchlicher Verfolgung überlieferten Schriften der Bogomilen und Katharer lassen sich Anklänge an die Einheit der Schöpfung finden – so wie in der Manichäischen Abhandlung aus Albi in Südfrankreich: „Wenn jede Kreatur aus Gott gut ist, und die Welt, wie manche sagen, Gottes Schöpfung ist, mit allem das sich darin befindet – welchen Grund gibt es dann, sie nicht zu lieben? … Was sonst bedeutet ‚Welt‘, wenn nicht der Himmel, die Erde, die Luft, das Meer und alle Dinge darin?“ 9

Auch in der Kunst bogomilischer Grabdenkmäler in Bosnien-Herzegowina, der stećci, finden sich berührende Darstellungen, die eine tiefe Verbundenheit zwischen Mensch, Natur und Kosmos erahnen lassen:

Darstellung einer Frau unter einer Mondsichel mit zwei Pferden, auf einem stećak in Ljudovo zwischen Mostar und Dubrovnik
Darstellung einer Frau unter einer Mondsichel mit zwei Pferden, auf einem stećak in Ljudovo zwischen Mostar und Dubrovnik
Stilisierter Baum mit Früchten und Vögeln auf einem stećak in Donja Zgošća bei Kakanj in Bosnien-Herzegowina nördlich von Visoko, dem einstigen Königssitz des bosnischen ban – Pferd mit einem Vogel auf einem stećak bei Ljubinje zwischen Mostar und Dubrovnik
Stilisierter Baum mit Früchten und Vögeln auf einem stećak in Donja Zgošća bei Kakanj in Bosnien-Herzegowina nördlich von Visoko, dem einstigen Königssitz des bosnischen ban – Pferd mit einem Vogel auf einem stećak bei Ljubinje zwischen Mostar und Dubrovnik
Mann und Frau mit einem Pferd und einem Vogel, der sehr wahrscheinlich die Seele symbolierte, auf einem stećak bei Ljubinje in Bosnien-Herzegowina
Mann und Frau mit einem Pferd und einem Vogel, der sehr wahrscheinlich die Seele symbolierte, auf einem stećak bei Ljubinje in Bosnien-Herzegowina

Diese Denkmäler in der Nähe damaliger bogomilischer Gemeinden zeugen bis heute von einem tiefen Glauben der „guten Christen“ an das Gute Gottes und den Frieden – wenn nicht in dieser Welt, dann in der nächsten. Die Manichäische Abhandlung, die Lehrgedanken enthält, die wahrscheinlich Bogomilen und Katharern gemeinsam waren, zitiert im Kapitel „Über die Neue Erde“ auch unmittelbar aus der Bergpredigt des Jesus von Nazareth:

„Christus selbst sagte: Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.“ 10

Quellen / vrela / viri / izvori:

  1. Übersetzung aus: Željko Fajfrić, Sveta loza Stefana Nemanja, Grafosrem, Šid, 1998 - S. 50
  2. Übersetzung aus: Dominik Mandić, Bosna i Hercegovina – Svezak II, Ziral, Chicago, 1979 - S. 127
  3. Übersetzung aus: Walter L. Wakefield, Austin P. Evans, Heresies of the High Middle Ages, Columbia University Press, New York, 1991 - S. 330
  4. Übersetzung aus: Wakefield - S. 599
  5. siehe Streitschrift - wikipedia.de
  6. Übersetzung aus: Franjo Šanjek, Bosansko-humski krstjani u povjesnim vrelima, Barbat, Zagreb, 2003 - S. 199 f., siehe auch Ps 78, 27 und 29 im Alten Testament
  7. Katja Papasov, Christen oder Ketzer – die Bogomilen, Ogham, Stuttgart, 1983 - S. 126
  8. Die Bibel in der Einheitsübersetzung von 1980, Universität Innsbruck - 1 Kor 8,4-13
  9. Übersetzung aus: Wakefield - S. 505
  10. Übersetzung aus: Wakefield, S. 507, siehe auch S. 494: Der Autor war möglicherweise Bartholomäus von Carcassonne, ein in Südfrankreich tätiger Abgesandter des bosnischen djed der Bogomilen.

Bildquellen / vrela slika / viri slik / izvori slika:

  • Eine Tischgesellschaft der Bogomilen in freier Natur: © die-bogomilen.de
  • Früchte und Nüsse: © die-bogomilen.de
  • Szene aus dem Alten Testament der Bibel: Kain und Abel verbrennen ein Lamm als Tieropfer: Julius Schnorr von Carolsfeld, Public domain, via Wikimedia Commons
  • Darstellung einer Frau unter einer Mondsichel mit zwei Pferden, auf einem stećak in Ljudovo zwischen Mostar und Dubrovnik: © die-bogomilen.de
  • Stilisierter Baum mit Früchten und Vögeln auf einem stećak in Donja Zgošća bei Kakanj in Bosnien-Herzegowina nördlich von Visoko, dem einstigen Königssitz des bosnischen ban – Pferd mit einem Vogel auf einem stećak bei Ljubinje zwischen Mostar und Dubrovnik: © die-bogomilen.de
  • Mann und Frau mit einem Pferd und einem Vogel, der sehr wahrscheinlich die Seele symbolierte, auf einem stećak bei Ljubinje in Bosnien-Herzegowina: © die-bogomilen.de
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Sebastian Hoblaj