Ankunft der Bogomilen in Serbien und der Aufstieg der Nemanjiden

In der Entstehungszeit des ersten serbischen Staates waren die Bogomilen in der Region weit verbreitet – ob im katholisch-romanischen Zeta am Mittelmeer oder im oft kriegsgeschundenen, orthodoxen Fürstentum Raszien. Mit dem Aufstieg der Herrscherdynastie der Nemanjiden begann für sie eine Epoche gnadenloser Verfolgung und Vertreibung.

Die Vorherrschaft von Byzanz

Serbien war zur Zeit der Ankunft der Bogomilen in dieser Region noch kein einheitlicher Staat: Die damaligen Fürstentümer1 wie Raszien im Osten, Zahumlje, Travunja, Zeta – an der Adriaküste von der Pelješac-Halbinsel über Dubrovnik bis ins heutige Montenegro – standen unter der Vorherrschaft des oströmischen Reiches von Byzanz: 

„Vom Ende der 1080er Jahre bis in 12. Jahrhundert befanden sich Raszien und Bulgarien längere Zeit im gleichen bulgarischen, respektive byzantinischen Land. In der Zeit dieses gemeinsamen staatlichen Lebens bestand der Verkehr zwischen Bulgarien und Raszien häufig aus fahrenden Soldaten, Staatsbediensteten, Händlern und privaten Reisenden. Durch diese häufigen Berührungspunkte verbreitete sich das Bogomilentum aus Bulgarien in Serbien und Raszien.“ so der Historiker Mandić. 2 Und der serbische Kirchenhistoriker Fajfrić ergänzt, dass die Bogomilen in Raszien „sehr viele Anhänger fanden. Aus Serbien drangen sie schnell nach Zeta vor, so wie auch in die Fürstentümer Hum und Trebinje. Diese Sekte fand in Raszien weite Verbreitung …“  3

Blutiger Machtkampf um Serbien

Durch viele kriegerische Auseinandersetzungen versuchten in dieser Epoche serbische Machthaber, einen eigenen, unabhängigen Staat zu errichten. Besonders Raszien und Zeta rangen dabei auch untereinander um die Vorherrschaft. 4 Schon König Mihailo Vojislavljević von Zeta diente sich um 1077 Papst Gregor VII. in Rom an, und empfing von ihm die Königskrone. Dafür machte er der katholischen Kirche umfangreiche kirchenpolitische Zugeständnisse. 5 So umfasste der blutige Machtkampf um einen serbischen Staat schon damals auch das erbarmungslose Ringen um Einfluss zwischen verschiedenen Kircheninstitutionen, welches nach dem Großen Morgenländischen Schisma von 1054 zwischen Katholiken und Orthodoxen voll entbrannt war. Für die Bogomilen in Serbien sollte diese unglückselige Kollaboration im weiteren Verlauf äußerst grausame Folgen haben.

Das orthodoxe Fürstentum Raszien

In den konkurrierenden Fürstentümern, besonders im orthodoxen Raszien und im katholischen Zeta, herrschten damals nicht nur verschiedene Kirchen – sondern auch äußerst unterschiedliche Lebensverhältnisse, wie der serbische Historiker Fajfrić beschreibt: 

„Raszien … war ein gebirgiges Land, übervoll von Wäldern, düsteren und tiefen Schluchten, schnellen Flüssen und nicht weniger wilden Menschen. Hier war von einem Herrschaftssitz im klassischen Sinn keine Rede, und das war auch nicht möglich – da der große Župan unaufhörlich reiste, von einem Hof zum nächsten ziehend, so lange sich aufhaltend, wie die Nahrungsvorräte es zuließen. Die Einwohner von Raszien beschäftigten sich hauptsächlich mit der Viehzucht, mit dem Ackerbau wesentlich weniger. Der Bergbau befand sich in den Anfängen, und auch das, was vorhanden war, war sehr primitiv. Die Siedlungen selbst waren nicht dauerhaft, denn auch das Landeigentum war nicht gesichert, da es oftmals zu Überfällen kam. Deshalb gab es häufige Migration der Bevölkerung in die dalmatinischen Städte …

Kloster Klisura aus dem 13. Jahrhundert, an der Moravica in früheren Raszien
Kloster Klisura aus dem 13. Jahrhundert, an der Moravica in früheren Raszien
„Die Art und Weise, wie Kriege geführt wurden, trug sehr dazu bei, dass die Menschen in ruhigere Gegenden flohen. Jede fremde Streitmacht, die auf das Territorium Rasziens vordrang, trachtete nicht nur danach, die Armee von Raszien zu beherrschen oder das zu rauben, war ihr zum Überleben notwendig war – sondern vernichtete alles, was sie vor sich hatte. Das bedeutete das Abbrennen von Häusern, das Abholzen von Obstgärten und anderen Anpflanzungen, und das Töten von Vieh und Menschen, falls man auf sie stieß … Die Byzantiner fielen regelmäßig jedes Jahr in Raszien ein und vernichteten alles, auf das sie trafen. Das Volk zog sich in die Berge zurück und ließ sich nur ungern in die Täler herab, wo es stetig in Gefahr war … Das Land befand sich in konstantem Krieg, und die Flucht in die Berge und unzugängliche Wälder war ein alltäglicher Vorgang. Natürlich konnte auch von einer Kultur nicht die Rede sein, und Denkmäler aus dieser Zeit sind eine wahre Seltenheit. All dies wurde im Laufe der wütenden Konflikte vernichtet, einmal mit Byzanz, und ein andermal in den Kämpfen untereinander um die Vorherrschaft.“ 6

Das katholische Fürstentum Zeta

Im Fürstentum Zeta, auch Diocletia oder Duklja genannt, war die Lebenswelt eine völlig andere: „Zeta befand sich an der Küste, so dass es hier einen starken Einfluss romanischer Kultur gab, und es wurde, neben der serbischen Bevölkerung, auch von zahlreichen romanischen und arbanesischen Bürgern bewohnt, die auch beträchtliches politisches Gewicht hatten … Der katholische Einfluss war ausnehmend stark, so dass viele Bezirke überhaupt keine orthodoxe Geistlichkeit hatten. Dass der Einfluss der römischen Kurie groß war, ist auch daran zu erkennen, dass alle Dokumente ausschließlich in lateinischer Sprache verfasst wurden.“ 7
Blick von der Festung über der mittelalterlichen Altstadt von Kotor, Montenegro
Blick von der Festung über der mittelalterlichen Altstadt von Kotor, Montenegro

Die jahrhundertealten Küstenstädte hatten mit den einfachen Siedlungen in Raszien nichts gemein. Fajfrić beschreibt unter anderem die Stadt Kotor: „Kotor war ökonomisch stark … mit einer gewaltigen Festung an einer Felswand, die sich hoch in den Himmel erhob, während sich unter ihr eine Innenstadt mit etwa 500 Häusern erstreckte. Um diese herum erstreckte sich ein genauso gewaltiger Steinwall, der als Schutz vor plötzlichen Angriffen diente. Kotor war eine typische Küstenstadt mit engen Gassen, in welchen sich Steinhäuser befanden, gedeckt mit Stroh oder Holzschindeln … Die Stadt war voller Handwerker, vor allem Gerber, Schuhmacher, Goldschmiede, Kerzenmacher und natürlich Fischer.“ 8

Der Kampf Stefan Nemanjas gegen Byzanz

Im 12. Jahrhundert stellte sich der serbische Großžupan Stefan Nemanja von Raszien aus im Bund mit dem katholischen Ungarn wiederholt gegen Byzanz. Nemanja stammte ursprünglich aus dem katholischen Zeta, ließ sich aber nach seiner Ankunft in Raszien orthodox taufen. 9 Fajfrić erläutert: „Man kann sich vorstellen, welch ein Schauspiel dies dem ungelehrten Zuschauer bot – der jüngste Sohn des großen Župan kehrt aus dem katholischen Zeta zurück und nimmt erneut den orthodoxen Glauben an. Was das für eine Pointe für die [orthodoxe] Kirche war, und für Nemanja, dem die Kirche unendlich dankbar war.“ 10

1172 wechselte Ungarn die Seiten, und Byzanz gewann die Oberhand: „Nemanja unterwarf sich, wurde als Besiegter im Triumphzug Kaiser Manuels I. in Konstantinopel [Byzanz] mitgeführt und musste Vasallentreue schwören, die er dem Kaiser auch bis zu dessen Tod gehalten hat.“ 11

Die Errichtung des serbischen Reiches

Nach dem Tod Manuels I. 1180 führte Nemanja Raszien in die Unabhängigkeit. Der Historiker Kämpfer erläutert: „Der mächtigen Persönlichkeit Nemanjas gelang es, sich gegen seine drei älteren Brüder durchzusetzen und die verschiedenen Landesteile, die teils der katholischen, teils der orthodoxen Kirche, teils der bogomilischen Bewegung angehörten, mit den neuerworbenen Gebieten zu einem geschlossenen Reich zusammenzufügen … In den folgenden Jahren widmete sich Nemanja inneren Problemen des Landes, baute Kirchen und Klöster und tilgte erbarmungslos die Sekte der Bogomilen in seinem Reiche aus.“ 12 Er begann einen Eroberungsfeldzug bis an die Küste Dalmatiens, scheiterte aber letztlich an der Einnahme Dubrovniks. 13

Mittelalterliche Kreuzzugs-Armee auf dem blutigen Weg ins Heilige Land
Mittelalterliche Kreuzzugs-Armee auf dem blutigen Weg ins Heilige Land

Nach dem Bruch mit den Ungarn musste Nemanja sich neue Verbündete suchen. 14 Eine Gelegenheit, sich mit Kaiser Friedrich Barbarossa gutzustellen, ergab sich, als dieser mit einer gewaltigen Streitmacht von rund 100.000 Menschen während des Dritten Kreuzzugs über Byzanz in Richtung des Heiligen Landes marschierte, und dabei in Serbien 1189 herzlich empfangen wurde. Nemanja selbst bot ihm an, selbst deutscher Vasall zu werden und 20.000 Soldaten für einen Krieg gegen das von ihm verhasste Byzanz zu stellen. Doch diese Initiative blieb erfolglos. 15 

Byzanz schlug zurück und obsiegte gegen Nemanja in der Schlacht an der Morava, was zu einem Friedensdiktat und einer dynastischen Verbindung zwischen dem Königreich Serbien und Byzanz führte. 16

Die Errichtung der orthodoxen Staatskirche

Vor diesem Hintergrund errichteten Stefan Nemanja sowie seine Nachfolger und Söhne – wie König Stefan Nemanjić und Erzbischof Sava – eine zunehmend unabhängige serbisch-orthodoxe Staatskirche. Sie versuchten zugleich aber auch, sich mit der katholischen Kurie in Rom gutzustellen.

So heiratete etwa Stefan Nemanjić 1216 in dritter Ehe Anna Dandolo: Diese Ehe markierte für den serbischen Herrscher eine Hinwendung zur römisch-lateinischen Welt, die durch die Krönung durch einen päpstlichen Legaten untermauert wurde. Später ließ er sich  allerdings nach orthodoxem Ritus ein zweites Mal krönen. 17 Anna Dandolo war Enkelin des mächtigen Dogen Enrico Dandolo von Venedig. Dieser hatte wenige Jahre zuvor die Zerstörung der den Bogomilen freundlich gesonnenen Stadt Zadar und die Eroberung von Konstantinopel [Byzanz] durch das Heer des Vierten Kreuzzugs entscheidend mit in die Wege geleitet, im Verbund mit Papst Innozenz III. 18

Als orthodoxe Kirchenheilige kanonisierte Nemanjiden Erzbischof Sava und sein Vater Stefan Nemanja
Als orthodoxe Kirchenheilige kanonisierte Nemanjiden Erzbischof Sava und sein Vater Stefan Nemanja
Mit Hilfe der neuen Staatskirche wurde auch die Herrschaft der neuen Königsdynastie der Nemanjiden „kirchengöttlich“ legitimiert: Klöster wurden gestiftet, orthodoxe Kirchen gebaut und Heiligenlegenden geschrieben 19 – es waren der Kriegerkönig Stefan Nemanja und seine Nachkommen höchstselbst, die sich in den Fresken dieser sakralen Bauten verherrlichen ließen. Der von ihm begonnene, erbarmungslose Genozid gegen die Bogomilen wurde währenddessen auch von seinen Nachfolgern in Staat und Kirche Serbiens fortgesetzt.

Quellen / vrela / viri / izvori:

  1. siehe Edgar Hösch / Karl Nehring, Lexikon zur Geschichte Südosteuropas, Böhlau UTB, Wien, 2004 - S. 554, 758 f. und S. 762 f.
  2. Übersetzung aus: Dominik Mandić, Bosna i Hercegovina, Svezak II, Ziral, Chicago, 1979 - S. 46 f.
  3. Übersetzung aus: Željko Fajfrić, Sveta loza Stefana Nemanja, Grafosrem, Šid, 1998 - S. 51
  4. siehe Fajfrić - S. 5
  5. siehe Fajfrić - S. 5, und Edgar Hösch, Geschichte der Balkanländer, Beck, München, 2008 - S. 57 f.
  6. Übersetzung aus: Fajfrić - S. 21 f.
  7. Übersetzung aus: Fajfrić - S. 5
  8. Übersetzung aus: Fajfrić - S. 9
  9. siehe Fajfrić - S. 20
  10. Übersetzung aus: Fajfrić - S. 20 f.
  11. Frank Kämpfer, Stefan Nemanja, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 3. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1979, S. 305-307 - via biolex.ios-regensburg.de
  12. Kämpfer - S. 305 f.
  13. siehe Hösch - S. 63 f. und Mandić - S. 47
  14. siehe Fajfrić - S. 59
  15. siehe Fajfrić - S. 62 und Steven Runciman, Geschichte der Kreuzzüge, Beck, München, 2019 - S. 785
  16. siehe Fajfrić - S. 72 und Kämpfer
  17. siehe Frank Kämpfer, Stefan Nemanjić, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 4. Hgg. Mathias Bernath / Karl Nehring. München 1981, S. 180-182 - via biolex.ios-regensburg.de und Fajfrić - S. 125
  18. siehe Fajfrić - S. 124 ff.
  19. siehe Šanjek - S. 23

Bildquellen / vrela slika / viri slik / izvori slika:

  • Kloster Klisura aus dem 13. Jahrhundert, an der Moravica in früheren Raszien: ZoranCvetkovic (http://www.srbijaplus.net/), CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
  • Blick von der Festung über der mittelalterlichen Altstadt von Kotor, Montenegro: Jaakko Luttinen, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
  • Mittelalterliche Kreuzzugs-Armee auf dem blutigen Weg ins Heilige Land: Ausschnitt aus Jean Colombe, Public domain, via Wikimedia Commons
  • Als orthodoxe Kirchenheilige kanonisierte Nemanjiden Erzbischof Sava und sein Vater Stefan Nemanja: Orjen, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons