Ankunft der Bogomilen in Bosnien – „od Kulina bana i dobrijeh dana“

Das geflügelte Wort „od Kulina bana i dobrijeh dana – von Kulin Ban und besseren Tagen“ spielt im Volksmund auf den ersten Aufschwung eines unabhängigen bosnischen Königreichs Ende des 12. Jahrhunderts an. Einer brutalen päpstlichen Ausmerzungs-Kampagne zum Trotz gewährte damals Kulin Ban vielen Bogomilen aus Serbien und Dalmatien Zuflucht. Er beschützte sie und legte die Fundamente für eine Jahrhunderte währende Blütezeit bogomilischer Gemeinden in der Region.

In Bosnien - eine der ersten Kirchen der Bogomilen?

Der kroatische Historiker Mandić ist überzeugt davon, dass die Bogomilen in Bosnien schon sehr früh begründet wurden: „Das Ansehen, welches die Kirche der bosnischen Christen im Westen [bei den Katharern in Italien und Frankreich] genoss, sagt uns, dass sich der bogomilische Glaube früh in Bosnien verbreitete – und dass sehr wahrscheinlich die bosnische Kirche schon zu Lebzeiten von Bogomil und seiner Schüler begründet wurde.“ 1

Von Bogomilen im Bosnien des 11. Jahrhunderts gibt es so gut wie keine gesicherten Zeugnisse. Jedoch nennt das „Fragment von Batalov“ eine Liste mit Namen von djeds – den Ältesten der Bogomilen – seit der Entstehung der ersten Gemeinden in Bosnien: Eremis, Azarija, Kuk’leč, Ivan, Godin, Tišemir, Didodrag, Bučin, Krač, Bratič, Budislav, Dragoš, Dragič, Lubin, Dražeta, Tomiš … 2

Der Dominikaner Anselm von Alexandrien erklärt den Urprung der Bogomilen in Bosnien folgendermaßen: „Einige aus Slavonien, genauer aus dem Land, das sich Bosnien nennt, gingen nach Byzanz, um Handel zu treiben; bei der Rückkehr in ihr Land begannen sie zu verkündigen, und als sie an Zahl zunahmen, stellten sie einen Bischof auf, der sich Bischof von Slavonien oder Bosnien nennt.“ 3

Erst ab dem 12. Jahrhundert werden die geschichtlichen Quellen zu Bosnien allgemein und den Bogomilen dort im Besonderen zahlreicher.

Die politische Lage Bosniens im 12. Jahrhundert

Die Frühgeschichte des Fürstentums Bosnien wurde noch von byzantinischer Machtpolitik bestimmt, und war eng mit der von Serbien verbunden: „Um das Jahr 1150 … sicherte Stefan Nemanja das Fürstentum Hum. 1168 wurde Stefan, mit dem Segen von Manuel [Komnenos, Kaiser von Byzanz] auf den serbischen Thron erhoben, und Hum fiel an seinen Bruder Miroslav. Ungefähr zur gleich Zeit bestieg unter der Oberherrschaft von Manuel ein gewisser Kulin den Thron von Bosnien, um dort als unabhängiger Ban nach dem Tod von Manuel 1180 zu regieren.“ 4
Kulin Ban, erster historisch fassbarer Herrscher von Bosnien
Kulin Ban, erster historisch fassbarer Herrscher von Bosnien

„Kulin Ban ist zwar nicht der erste namentlich bekannte, aber doch der erste historisch fassbare Herrscher Bosniens. Seine Herrschaftszeit fällt mit der Neugliederung des Balkans nach dem Zusammenbruch des byzantinischen Reiches zusammen … Kulin Ban erscheint 1180 zum ersten Mal in einer historischen Quelle, als der in Dalmatien tätige Legat dem ‚großen Banus von Bosnien‘ nahelegt, seine Ergebenheit gegenüber dem Papst durch Geschenke zu bezeugen.“ 5

Der bosnische Historiker Babić ergänzt: Dieser päpstliche Gesandte Theobald verlangte von Kulin Ban, dass er „dem Papst, als Zeichen der Ehrerbietung, unter anderem auch zwei Sklaven schicken solle.“ 6

„Der Bindung an Byzanz ledig, scheint Kulin sich in die Gemeinschaft der westlichen Reiche begeben zu haben, das heißt in den Einflussbereich Ungarns. 1183 hat er, wenn die dürftigen Quellen richtig interpretiert sind, mit Ungarn und Serben zusammen einen Kriegszug in byzantinisches Gebiet unternommen …“ 7

König Miroslav und Kulin Ban

Die Herrscherfamilien von Serbien und Bosnien waren damals sogar durch Heirat verbunden. Vom Bruder des ersten serbischen Königs Stefan Nemanja ist folgendes bekannt: „Miroslav heiratete Kulins Schwester, und die beiden Schwager begannen eine Politik, die die Autoritäten der orthodoxen und der katholischen Kirche in große Bedrängnis brachte. Beide Herrscher hatten ähnliche religiöse Probleme. Ihre Untertanen waren sowohl Katholiken als auch Orthodoxe … Einem nationalistischen Monarchen waren beide Kirchen suspekt. Die Unterstützung der wachsenden Häresie erschien Kulin als die beste Lösung seiner Probleme; und Miroslav, wenn auch eher halbherzig, folgte seinem Beispiel.

Ausdehnung des Königreichs Bosnien vom 12.-14. Jahrhundert, mit Hum - "Humska zemlja" - mittig und dem angrenzenden Fürstentum Zeta rechts unten
Ausdehnung des Königreichs Bosnien vom 12.-14. Jahrhundert, mit Hum - "Humska zemlja" - mittig und dem angrenzenden Fürstentum Zeta rechts unten

„1180 begann Miroslav eine Fehde mit dem lateinischen Erzbischof Rainer von Split, dem kirchlichen Oberhaupt von Hum … Rainer beschwerte sich bei Papst Alexander III., der einen Nuntius, Theobald, schickte, um ihm über die Sache zu berichten. Theobald fand Miroslav recht halsstarrig vor, und als Unterstützer von Häretikern. Daher verhängte er einen Bann über den Prinzen. Miroslav blieb von den päpstlichen Intrigen gegen ihn zunächst unberührt. Doch die römische Rache kam mit der Zeit: Im März 1198 genoss Andreas II. von Ungarn den Titel Prinz von Dalmatien, Kroatien und Hum. 1199 war Miroslav tot, und seine Frau lebte im Exil am Hofe ihres Bruders [Kulin Ban] in Bosnien.“ 8

Der Hof von Kulin Ban wird bogomilisch

Runciman schreibt über den Königshof von Kulin Ban: „Dieser Hof war nun offen häretisch. Das Anwachsen der ungarischen Macht, zeitgleich mit dem Aufstieg Serbien, bestätigte Kulin in seiner Bogomilen-Politik. Die Bogomilen, vertrieben von Stefan Nemanja, wurden in Bosnien willkommen geheißen, und bogomilische Missionare wurden mit Nachdruck ermutigt.

Kulin hatte sogar einen Groll gegen das Papsttum. 1191 wurde das Bistum Bosnien aus der Jurisdiktion des Erzbischofs von Dubrovnik – einer Stadt, mit der er aufgrund gemeinsamer Handelsinteressen in bester Beziehung stand – entfernt, und der Kontrolle des Bischofssitzes von Split unterstellt, dessen damaliger Erzbischof, Peter Ugrin, ein Ungar und ein Agent des ungarischen Königs war. Es scheint so, als wäre dieses Unrecht 1196 behoben worden, doch der Vorfall sorgte für Verdruss; und Kulin wurde darüber hinaus von der anti-ungarischen Haltung seiner enteigneten Schwester, der Prinzessin von Hum, beeinflusst.

Schließlich, im Jahr 1199,  erklärten der Ban, seine Frau, seine Schwester, einige weitere seines Geschlechts und 10.000 seiner Untertanen offen ihre Zugehörigkeit zum Glauben der Bogomilen.“ 9

Aufnahme bogomilischer Flüchtlinge aus Serbien und Dalmatien in Bosnien

Anders als die Könige von Serbien und Ungarn oder die katholischen Küstenstädte Dalmatiens verfolgte Kulin Ban die Bogomilen wie erwähnt nicht, im Gegenteil: Er gewährte ihnen Zuflucht und Schutz. Als Stefan Nemanja brutal gegen die Bogomilen in Serbien vorging, flohen Überlebende – darunter auch etliche vlachische Bogomilen – in die unzugänglichen Berge und Wälder Bosniens.

An der kroatischen Adriaküste ging derweil der mit Hilfe Ungarns neu eingesetzte katholische Erzbischof von Split, Bernard von Perugia, um das Jahr 1200 radikal gegen die Bogomilen vor: Sie wurden mit dem Kirchenbann belegt und in großer Zahl vertrieben – und fanden ebenfalls in Bosnien eine sichere Zuflucht.

Der zerstörerische Ehrgeiz von König Vukan

Im oft blutigen Ringen zwischen Fürsten und Machtreligionen dieser Zeit spielte der ehrgeizige Bruder des zweiten serbischen Königs Stefan Nemanjić damals auf dem Balkan eine besonders unheilvolle Rolle: „Vukan war eindeutig unzufrieden damit, von der Thronfolge in Raszien [Serbien] ausgeschlossen zu sein, und fühlte, dass er und nicht Stefan dort herrschen sollte. Um seine Ambitionen umzusetzen und seine Unabhängigkeit von Stefan auf seinem eigenen Gebiet sicherzustellen, begann er nach Unterstützung zu suchen.

Vukan versuchte, seine Sache voranzubringen, indem er sich in das Ringen um kirchliche Rechtsprechung einmischte, das damals auf dem westlichen Balkan stattfand. Um 1190 stand der Erzbischof von Dubrovnik allen päpstlichen Kirchen in Bosnien und Süddalmatien vor. Der Erzbischof von Split stand allen mittel- und norddalmatinischen Kirchen vor. Dadurch waren die Katholiken von Zeta und Bosnien unter Dubrovnik. Und Dubrovnik tolerierte die lokalen Gebräuche Bosniens.“ 10

Vukan Nemanjić, Bruder des zweiten serbischen Königs Stefan

Ende der 1190er Jahre ergriff Vukan die Macht in Zeta und trat in Verhandlungen mit Ungarn und dem Papsttum ein. Diese Allianz brachte ihm die Anerkennung als König ein. Vukan akzeptierte die päpstliche Oberhoheit und wurde Katholik. Damit hatte er sich sein langersehntes, eigenes Königreich gesichert – unabhängig von seinem verhassten jüngeren Bruder Stefan. 11 Doch dabei sollte es nicht bleiben.

Eine mörderische Intrige

König Vukan – offenbar begierig, dem Papst als vorbildlicher Katholik zu gefallen – sandte im Jahr 1199 eine Meldung mit folgendem Inhalt nach Rom: „Als zu uns Herr Kaplan Ivan und Herr Simeon kamen, ergebene und zuverlässige Legaten des Heiligen Katholischen und Apostolischen Stuhls, freuten wir uns über alle Maßen, denn wie ein Sonnenstrahl mit seiner Kraft die Luft erleuchtet, so wird glauben wir auch ihre heilige und heilbringende Predigt unser gesamtes Königreich erleuchten – deshalb sagen wir zu Recht: Wir wurden beschienen vom aufstrahlenden Licht aus der Höhe [Lk 1,78].

Wahrhaftig möchten wir vor Eurer Vaterschaft nicht verbergen, dass sich im Ungarischen Königreich, nämlich in Bosnien, offenbar in nicht geringem Maße die Ketzerei ausbreitet, und das derart, dass von diesem verführerischen Wahn Kulin Ban selbst verführt wurde und er, mit seiner Frau und seiner Schwester, die die frühere Gemahlin des verblichenen Miroslav von Hum war, und mit ihnen viele Verwandte, über 10.000 Christen in diese Ketzerei geführt hat. Deshalb hat sie der ungarische König mit Ingrimm und von euch erhaltener Vollmacht gezwungen, vor Euch zu erscheinen … Deshalb erbitten wir, empfehlt dem ungarischen König, sie [die Bogomilen] wie die Kornrade aus dem Weizen [Mt. 13, 24-30] aus seinem Königreich zu entfernen.“ 12

Vukan informierte also den Papst darüber, dass sich die ketzerische Lehre in Bosnien schon so weit verbreitet hatte, dass sie eine ernsthafte Bedrohung für die Interessen der katholischen Kirche darstelle – und bat ihn, er solle König Emmerich von Ungarn beauftragen, das „Unkraut“ der Bogomilen auszumerzen. Emmerich wurde zum Unterstützer von Vukan, insbesondere gegen seinen Bruder König Stefan Nemanjić von Serbien. 13

Ungarische Vorherrschaft in Bosnien?

Charta von Kulin Ban, ein Handelsabkommen mit Dubrovnik von 1189
Charta von Kulin Ban, ein Handelsabkommen mit Dubrovnik von 1189

Das Verhältnis zwischen Ungarn, Dalmatien und Bosnien war damals kompliziert:
„Ungarn war der Vorherr der Stadt Split, und der Erzbischof von Split, obwohl direkt dem Papst unterstellt, hatte enge Verbindungen zum ungarischen Königshof und zum höheren Klerus. 

Ungarn war theoretisch auch der Vorherr des Staates Bosnien. Doch Bosnien unter Kulin Ban hatte sich, im praktischen Sinne, zu einem unabhängigen Staat entwickelt. Daher suchte Ungarn nach einer Möglichkeit, seine Autorität in Bosnien wieder herzustellen.“ 14

„Dass die Beziehungen zu Ungarn keine eigentliche Vasallität bedeuteten, ergibt sich aus einem Vertrag mit Dubrovnik, in dem Kulin als unabhängiger Gebieter den Kaufleuten der Stadt abgabenfreien Handel in ganz Bosnien gewährte. Dieser Akt von 1189 bildet zugleich die erste in südslawischer Sprache verfasste Urkunde.“ 15

Es ist daher wahrscheinlich, dass Vukan mit seiner Denunziation von Kulin Ban beim Papst darauf spekulierte, dass dieser sich an das katholische Ungarn – das ja formal der Oberherr Bosniens war – wenden würde, um das „Ketzerproblem“ mit Gewalt zu lösen.

Der Papst ruft zur Gewalt gegen Kulin Ban und zum Genozid an den Bogomilen auf

Nachdem Papst Innozenz III. die Nachricht von Vukan erhalten hatte, schrieb er tatsächlich einen scharfen, hetzerischen Brief an den ungarischen König Emmerich:

„Wir haben erfahren, dass der Erzbischof von Split kürzlich viele Patarener [Bogomilen] aus den Städten Split und Trogir vertrieben hat. Der bosnische Fürst Kulin bot diesen Patarenern nicht nur einen sicheren Zufluchtsort für ihre Bosheit, sondern auch einen Schutz, indem er nicht nur sein Land ihrer Bosheit aussetzte, sondern auch sich selbst. Er ehrte sie wie Katholiken, sogar noch mehr als Katholiken, indem er sie ausdrücklich Christen nannte … 

Wir ermahnen die königliche Hoheit, sie solle sich zur Gewalt bereithalten, so wie es einer königlichen Macht entspricht, um die Ungerechtigkeit zu rächen, die Christus und den Christen zugefügt wurde … Du sollst sie vertreiben nicht nur aus deinem Land, sondern auch aus dem ganzen Königreich Ungarn und ihre Güter sollen beschlagnahmt werden. Im Übrigen soll dem genannten König nicht deine Nachsicht gelten, sondern führe an ihm die richterliche Gewalt der Regierung aus, um den rechten Weg wieder herzustellen. 

Wir befehlen, dass in den Gebieten unter unserer weltlichen Macht ihre Waren versteigert werden, und für die andere Gebiete befehlen wir, die weltlichen Fürsten und Herrscher sollen dasselbe tun; und wenn sie fahrlässig sein sollten, so befehlen wir, sie sollten durch kirchliche Strenge dazu gezwungen werden … An denjenigen, die aber die durch geistige Macht nicht zur Vernunft gebracht werden können, soll die weltlichen Macht das Ihre tun.“ 16

Ob aus Unvermögen oder Unwillen – der ungarische König Emmerich folgte dem päpstlichen Aufruf nicht. Das verärgerte den Papst so sehr, dass er an Erzbischof Bernhard von Split ein Dekret mit folgendem Inhalt schrieb:

„Im Land des Kulin Ban leben viele Menschen, die der verfluchten katharischen Häresie verdächtigt werden … Wir sandten einen apostolischen Brief an den Ehrenwürdigsten in Christus, unseren glorreichen Sohn Emmerich, mit dem Befehl, aus seinem gesamten Gebiet die Bogomilen zu vertreiben und ihr gesamtes Eigentum in dem gesamten Gebiet zu beschlagnahmen … Aber er befolgte unseren Befehl nicht mit der Ausflucht, dass er sie für Gläubige und nicht für Ketzer gehalten habe … und dass er bereit wäre, die Lehre des Apostolischen Stuhls vorbehaltlos zu respektieren. Daher bitten wir Dich, in das Land von Kulin Ban zu gehen und dort die Echtheit des Glaubens der bosnischen Bevölkerung zu untersuchen, wie auch diejenige von Kulin Ban und seiner Frau. Wenn Du aber dort ketzerische Bosheiten gegen den echten Glauben feststellen solltest, dann sollte nach den Gesetzen gegen die Häretiker vorgegangen werden!“ 17

Mit dieser Formulierung forderte Papst Innozenz III. von König Emmerich nichts weniger, als den bosnischen König letztendlich mit Gewalt zu unterwerfen, sollte der sich nicht vom bogomilischen Glauben distanzieren. 18 Dies stand ganz im Einklang mit der Politik Roms jener Zeit: „Päpstliche Entscheidungen befahlen eindeutig, dass … die [den Ketzern] benachbarten christlichen [katholischen] Machthaber verpflichtet waren, sich bei militärischen Maßnahmen gegen die Häretiker zu engagieren: Diese Maßnahmen fanden in der Geschichte vielfach ohne Zögern statt, obwohl nicht immer motiviert von der Frömmigkeit der Herrscher.“ 19

Päpstliche Erlasse verheeren Länder und Städte

Im Jahr 1202 nahm die katholische Kampagne Roms auf dem Balkan brutale Ausmaße an – und verwüstete ganze Städte und Länder, die sich dem Papst nicht unterwerfen wollten: Der „gute Katholik“ König Vukan griff mit Hilfe Ungarns das orthodoxe Raszien an und vertrieb seinen Bruder König Stefan Nemanja kurzzeitig mit Hilfe Ungarns vom Thron. Der Papst sandte sogar einen ungarischen Erzbischof nach Serbien, um dort den Katholizismus zu stärken. Doch die Katholiken wurden mit Hilfe Bulgariens und möglicherweise auch Kulin Bans nach kurzer Zeit zurückgeschlagen. 20

An der Küste wurde 1202 derweil in Dalmatien die Bogomilen-freundliche Stadt Zadar durch vom Papst und Venedig aufgehetzte katholische Kreuzfahrer zerstört

So sah sich der ungarische König Emmerich letztendlich doch veranlasst, auch schärfer gegen die Bogomilen in Bosnien vorzugehen. Kulin Ban wiederum erkannte nun, dass weiterer Widerstand gegen die große ungarische Armee eine Torheit gewesen wäre: „Er schrieb nach Rom und behauptete, er wäre dazu verführt worden zu glauben, die Patarener [Bogomilen] seien gute Christen, und bot an, eine Mission der Patarener nach Rom zu senden, so dass sie lernen mögen, was ihre Fehler seien. Zugleich bat er um eine päpstliche Mission nach Bosnien.“ 21

Die Abschwörung von Bilino Polje

Runciman schildert, wie es nun zum offiziellen Kontakt zwischen den Bogomilen und Rom kam: „1202 begleiteten der Erzbischof von Dubrovnik und sein Erzdiakon Marinus eine patarenische [bogomilische] Delegation nach Rom; und etwas später traf die päpstliche Mission, darunter Bernard – der Erzbischof von Split – und der päpstliche Legat John de Casamaris in Bosnien ein.“ erläutert Runciman. 22

Kulin Ban gab huldvoll nach, und so vollzog sich 1203 die Abschwörung von Bilino Polje am Fluss Bosna, heute im Ort Zenica nordwestlich von Sarajevo gelegen: „Hier schworen – auf der königlichen Insel Čepel … vor dem König, den [ungarischen] Erzbischöfen von Kalocsa und Pécs und vielen Edelleuten, im Beisein des Sohnes von Kulin Ban – zwei abgesandte Älteste in ihrem Namen und im Namen aller bosnischen Christen, und verpflichteten sich, alles zu befolgen … was die römische Kirche von ihnen verlangen würde …“ schildert Mandić. 23 Bei den Vertretern der Bogomilen könnte es sich um manche der djeds handeln, die auch im Eingangs erwähnten „Fragment von Batalov“ aufgeführt sind. 24

Mittleralterliches Dorf nahe Zenica am Flussufer der Bosna, unweit von Bilino Polje
Mittleralterliches Dorf nahe Zenica am Flussufer der Bosna, unweit von Bilino Polje

Das damalige Dokument, genannt die „Abschwörung von Bilino Polje“, ist zugleich auch das erste geschichtliche Denkmal der Bogomilen in Bosnien, welches einen gewissen Einblick in ihre Lehre und ihr Leben gibt.

Mandić erklärt den Inhalt des Dokuments: „Die Abschwörung sagt nicht ausdrücklich, dass die bosnischen Christen Ketzer seien, sondern nur, dass sie sich bis dahin nicht ihrer Mutter, der [römischen] Kirche unterworfen hatten. Doch in den einleitenden Worten der Abschwörung räumen die Vorsteher der bosnischen Christen trotzdem eindeutig ein, dass sie bisher dem ‚Übel der Ketzerei‘ gefolgt seien – ein Begriff, mit dem die damaligen kirchlichen Autoritäten die patarenische [bogomilische] Irrlehre bezeichneten. Die Ältesten der bosnischen Christen sprachen:

Wir versprechen vor Gott und seinen Heiligen, dass wir uns an die Erlasse und Verfügungen der heiligen römischen Kirche halten werden, sowohl in unserem Leben als auch in unserem Verhalten, so dass wir ihr zu Diensten sein werden, und nach ihren Grundsätzen leben werden. Wir werden für alle aus unserer Gemeinschaft und in unseren Häusern haften, mit unseren Besitzungen und Dingen, falls wir in Zukunft dem Übel der Ketzerei folgen sollten … In Zukunft werden wir auch mit vollem Wissen weder Manichäer noch Ketzer empfangen, so dass sie mit uns leben.“ 25

Auch das Abhalten von regelmäßigen Gottesdiensten, das Aufhängen von Kruzifixen, die Einhaltung aller kirchlichen Feiertage und die Eucharistie werden als Pflichten ausdrücklich erwähnt – deutliche Hinweise darauf, dass die damaligen Bogomilen all diese katholischen Bräuche eben bis dato nicht befolgten. 26

Runciman schildert die weiteren Entwicklungen: „Um ihre Unterwerfung bindender zu machen wurden die Patarener [Bogomilen] gezwungen, zwei ihrer führenden Vertreter mit dem päpstlichen Legaten an den ungarischen Königshof zu schicken, wo der Sohn von Kulin Ban schon als Geisel gehalten wurde. Dort, auf der Königsinsel von Budapest, vor dem König und dem Erzbischof von Kalocsa und anderen angesehenen Klerikern, schworen die einflussreichen Bogomilen, ihrer Unterwerfung treu zu bleiben – und der Sohn von Kulin Ban nahm die Verpflichtung auf sich, dass sein Vater 1.000 Silbermark als Strafe zahlen solle, falls die Vereinbarung von Bilino Polje je gebrochen würde.“ 27

Wirkungslose katholische Intrigen in Bosnien

Ein Beschluss des durch Innozenz III. im Jahr 1215 einberufenen IV. Laterankonzils weist viele Parallelen zum Fall von Kulin Ban auf: „Die weltlichen Obrigkeiten aber, welche Ämter auch immer sie verwalten, sollen ermahnt, veranlasst und notfalls … gezwungen werden, wenn anders sie als Gläubige gelten und dafür gehalten werden wollen, öffentlich einen Eid für die Verteidigung des Glaubens zu leisten; darin sollen sie sich verpflichten, alle von der Kirche benannten Häretiker redlich und nach Kräften aus den ihrer Amtsgewalt unterstehenden Gebieten zu entfernen … Wenn aber ein weltlicher Herr es trotz Aufforderung und Ermahnung seitens der Kirche unterlässt, sein Land von dieser abscheulichen Ketzerei zu säubern, soll er … mit der Exkommunikation [dem Kirchenbann] belegt werden. Lehnt er es ab, innerhalb Jahresfrist Genugtuung zu leisten, so soll der Fall dem Papst gemeldet werden, damit dieser die Vasallen von der Treuepflicht jenem gegenüber löst und dessen Land den Katholiken zur Inbesitznahme überlässt. Diese sollen es nach der Vertreibung der Ketzer ohne jeden Widerspruch besetzt halten dürfen und es in der Reinheit des Glaubens erhalten …“ 28

So wie gegen Kulin Ban ging der Papst auch gegen Daniel, den katholischen Bischof von Bosnien, vor – denn auch der war zum „Abtrünnigen“ geworden. In Kreševo, westlich von Sarajevo gelegen, zerstörten die Ketzer sogar die Kathedrale, so dass der Bischofssitz über 35 Jahre lang unbesetzt blieb. 29

„John de Casamaris hoffte, dem päpstlichen Sieg eine Neuorganisation der bosnischen Kirche folgen zu lassen. Das einzige Bistum, welches damals existierte, war – so schrieb John dem Papst – leblos. Er schlug vor, drei oder vier weitere Bistümer zu errichten und mit guten Lateinern zu füllen. Doch seine Empfehlungen wurden nicht ausgeführt, offenbar aufgrund ungarischen Widerstands. König Emmerich und dem Erzbischof von Kalocsa erschien ein schwaches Bosnien mit einer schwachen Kirche wesentlich attraktiver.“ 30

Doch Bilino Polje zum Trotz „ging die Zahl der Bogomilen in den Herrschaftsgebieten von Kulin Ban nicht zurück. Er selbst verstarb 1204. Sein Sohn und Nachfolger Stefan war, so scheint es, persönlich ein guter Katholik, aber er unternahm wenige oder gar keine Schritte, um seine ketzerischen Untertanen zu verfolgen. Er rechnete zweifellos damit, dass dies ihn seinen Thron kosten würde. Doch weder der Papst – mit Häresien nahe der Heimat [unter anderem den Katharern] befasst – noch der ungarische König, Emmerichs Nachfolger Andreas II. – konfrontiert mit einem widerspenstigen Adel, der seine Macht zu begrenzen suchte – konnten Stefan gegenüber die Vereinbarung von Bilino Polje durchsetzen.

Außerdem hatte der ungarische Triumph in Bosnien eine Reaktion im Lande Hum ausgelöst. Dort verschwand nun der ungarische Prinz Andreas aus der Geschichte. Ab 1218 war der Thron von Hum fest in der Hand eines ‚ketzerischen‘ Magnaten namens Peter.

1221 sandte Papst Honorius III. seinen Kaplan Acontius, um die Angelegenheiten Bosniens zu untersuchen. Acontius‘ Bericht war nicht ermutigend. Die Ketzerei gedieh ungezügelt; und trotz der freien Hand, die Honorius ihm gewährt hatte, und den Briefen, die er an ungarische Autoritäten geschrieben hatte, konnte Acontius nichts erreichen. Er predigte vergebens drei Jahre lang, und versuchte, einen Kreuzzug zu organisieren. Aber König Andreas II. konnte ihm nicht helfen. Die einzige Unterstützung kam von Erzbischof von Kalocsa, Ugolin, der 1225 zustimmte, einen Kreuzzug zu finanzieren – falls im Gegenzug Bosnien und die angrenzenden Provinzen Usora und Soli unter seine kirchliche Rechtsprechung gestellt würden. Der Papst stimmte zu; und der Erzbischof sah sich nach einem Anführer um. Zu dieser Zeit hielt sich in Ungarn ein verarmter byzantinischer Prinz auf – John Angelus, Sohn von Imperator Isaac Angelus und König Andreas‘ Schwester Margarete. Er sollte den Kreuzzug anführen, und erhielt 200 Silbermark vom Erzbischof im Voraus. Doch zusammen mit dem Geld verschwand John Angelus aus der Geschichte, einem verärgerten Brief des Papstes zum Trotz. Nach diesem Fiasko wurde der Plan aufgegeben.“ 31

Im Jahr 1227 starb Papst Honorius III., und „es gelang ihm nicht, diese Kampagne, in die er sich mit derart kämpferischer Stimmung begeben hatte, vom Feld der leeren Rede ins Feld der praktischen Wirksamkeit zu überführen.“ 32

In der nun folgenden Zeitepoche erlebte das Bogomilentum in Bosnien einen Aufschwung. Das Land von Kulin Ban wurde zunehmend zu einer Zuflucht für verfolgte Gottsucher aus ganz Europa, die etwa in Frankreich und Italien von der katholischen Inquisition immer brutaler verfolgt und ausgerottet wurden. „Od Kulina Bana i dobrijeh dana – von Kulin Ban und besseren Tagen“, so klingt bis heute dieser Beginn der Blütezeit eines freien Christentums im Volksmund Bosniens nach.

Doch zunächst ging die Romkirche unter Papst Gregor IX. nochmals sehr aggressiv gegen die bosnischen Christen vor – bis hin zu einem mehrjährigen Vernichtungsfeldzug unter dem religiösen Deckmantel des Kreuzes.

Quellen / vrela / viri / izvori:

  1. Übersetzung aus: Mandić - S. 148
  2. siehe Dominik Mandić, Bosna i Hercegovina – Svezak II, Ziral, Chicago, 1979 - S. 110 ff.
  3. Übersetzung aus: Mandić - S. 146
  4. Übersetzung aus: Steven Runciman, The Medieval Manichee, Cambridge University, Cambridge, 1982 - S. 101
  5. Frank Kämpfer, Kulin, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 2, München 1976 - S. 524-525 - via biolex.ios-regensburg.de
  6. Ante Babić, Roblje, in: Prilozi za historiju BiH I, Društvo i privreda srednjovjekovne bosanske države, ANUBiH, pos izd. knjiga LXXXIX, Odjeljenje društvenih nauka, knjiga 17, Sarajevo 1987 - S. 70
  7. Kämpfer
  8. Übersetzung aus: Runciman - S. 101
  9. Übersetzung aus: Runciman - S. 102 f.
  10. Übersetzung aus: Fine - S. 43 f.
  11. siehe John V. A. Fine, The Late Medieval Balkans, University of Michigan Press, 2009 - S. 43 f.
  12. Übersetzung aus: Franjo Šanjek, Bosansko-humski krstjani u povjesnim vrelima, Barbat, Zagreb, 2003 - S. 71
  13. siehe Gábor Barabás, Heretics, Pirates and Legates. The Bosnian Heresy, the Hungarian Kingdom, and the Popes in the Early 13th Century, in: Specimina Nova Pars Prima Sectio Mediaevalis IX., Pécs, 2017 - S. 40
  14. Übersetzung aus: Fine - S. 43 f.
  15. Kämpfer - S. 524-525
  16. Übersetzung aus: Šanjek, Bosansko-humski krstjani u povjesnim vrelima - S. 73
  17. Übersetzung aus: Šanjek, Bosansko-humski krstjani u povjesnim vrelima - S. 75 f.
  18. siehe Runciman - S. 103
  19. Übersetzung aus: Barabás - S. 42
  20. siehe Fine - S. 47 f.
  21. Übersetzung aus: Runciman - S. 104
  22. Übersetzung aus: Runciman - S. 104
  23. Übersetzung aus: Mandić - S. 95
  24. siehe Mandić - S. 110 ff.
  25. Übersetzung aus: Mandić - S. 96 f.
  26. siehe Šanjek - S. 59 f.
  27. Übersetzung aus: Runciman - S. 105
  28. J. R. Grigulevič, Ketzer - Hexen - Inquisitoren, Ahriman, 1995 - S. 91 f.
  29. siehe Runciman - S. 103
  30. Übersetzung aus: Runciman - S. 105
  31. Übersetzung aus: Runciman - S. 105 f.
  32. Übersetzung aus: Jaroslav Šidak, Studije o Crkvi bosanskoj i bogumilstvu, Liber, Zagreb, 1975 - S. 184

Bildquellen / vrela slika / viri slik / izvori slika:

  • Kulin Ban, erster historisch fassbarer Herrscher von Bosnien: © die-bogomilen.de
  • Ausdehnung des Königreichs Bosnien vom 12.-14. Jahrhundert, mit Hum – „Humska zemlja“ – mittig und dem angrenzenden Fürstentum Zeta rechts unten: Optimus Pryme, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
  • Vukan Nemanjić, Bruder des zweiten serbischen Königs Stefan: Mladifilozof, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
  • Mittleralterliches Dorf nahe Zenica am Flussufer der Bosna, unweit von Bilino Polje: Assetta, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons