Die Bogomilen in Dalmatien

Im Dalmatien des frühen Mittelalters traf die bogomilische Lehre zwar auf fruchtbaren Boden, doch trat ihr zugleich eine unbarmherzige katholischen Kirchenorganisation entgegen. Aus den wenigen überlieferten Chroniken und Dokumenten dieser Zeit lässt sich eine wechselvolle Geschichte erahnen: Von ersten freien Christen, die vom Papst aufgrund ihrer „Kriegsscheu“ geschmäht wurden – bis hin zu den charismatischen Brüdern Zorobabel in Split und der Vertreibung vieler ihrer Anhänger nach Bosnien.

Bogomilen und katholische Priester

Erste freie Christen im 11. Jahrhundert

Wie in so vielen europäischen Ländern dieser Zeit traten auch im Dalmatien des 11. Jahrhunderts freie Christen ein Erscheinung. Obwohl unter kroatischen Historikern umstritten ist, ob es sich bei diesen teils „Arianer“ genannten tatsächlich um Bogomilen handelte, deutet doch vieles darauf hin.

Zeitzeugnisse legen nahe, dass in Dalmatien damals ein bekannter Abgesandter des sêdêh dêd wirkte, um die bogomilische Lehre zu verbreiten. Ein Abgesandter also vom Sitz des djed – wie die Bogomilen in Bosnien auch in späteren Jahrhunderten ihre Ältesten nannten. 1

Im Zuge des damaligen Konflikts zwischen Rom und den kroatischen glagoljašen – also von Priestern, die die glagolitische Schrift und die altslawische Sprache in der katholischen Messe anwandten – gelangte dieser Abgesandte wohl bis zum Papst. 2

Doch dieser schickte als Antwort seinen Kardinal John Minutus, um die Region von der „bösartigen Brutstätte der Spaltung“ zu befreien. Dieser päpstliche Legat berief 1063 eine Kirchensynode ein, die die Häretiker mit dem Kirchenbann belegte. Sie wurden teils ausgepeitscht, auf der Stirn mit einem Brandmal versehen und auf Befehl des Papstes lebenslang eingekerkert. 3

Glagolitische Kirchenschrift
Glagolitische Kirchenschrift

Papst Gregor VII. schrieb 1075 dem dänischen König Sweyn II. Estridsson: „Falls die heilige römische Mutter Kirche deiner Hilfe bedürfte an Soldaten und dem weltlichen Schwerte, gegen bösartige Feinde Gottes – welche Hoffnung dürfen wir in dich setzen … ? Es gibt nämlich nicht weit von uns ein recht reiches Land jenseits des Meeres, das von freien und unwürdigen Irrgläubigen gehalten wird; in diesem Land möchten wir, dass Fürst, Herrscher und Verteidiger des Christentums einer deiner Söhne werde, falls du ihn mit einer Anzahl von Leuten, die ihm Soldaten des Glaubens sein sollen, dem Apostolischen Stuhl zur Verfügung stellst, damit er Krieg führt …“ 4

Der kroatische Historiker Mandić erläutert, dass Gregor VII. mit den „bösartigen Feinden Gottes“ nicht die Gegner sein Kirchenreformen in Kroatien meinte, sondern tatsächlich  „echte Irrgläubige“, nämlich die Bogomilen. Von diesen hatte der Papst gehört, dass sie sich in der Region verbreitet hätten. „Frei und unwürdig“ nannte man sie, da sie entschieden jedes Töten von Menschen ablehnten und demnach Kriegen und bewaffnetem Widerstand aus dem Weg gingen – sie waren daher als Kriegsgegner „unwürdig“. 5

Für die folgenden fast einhundert Jahre fehlen von Bogomilen in der Region jegliche Zeugnisse. Um die späteren Entwicklungen besser einordnen zu können, lohnt sich ein Blick auf die damaligen sozialen Verhältnisse in der Region.

Lateiner und Slawen

Im frühen Mittelalter bewohnten aufgrund der wechselvollen Geschichte Lateiner und Slawen gleichermaßen die Adriaküste des heutigen Kroatien. Besonders in den Städten Dalmatiens aus römischer Zeit lebte eine Oberschicht von Lateinern, die einen spätrömischen Lebensstil pflegten: Adelige, Patrizier, reiche Kaufleute und Würdenträger des katholischen Klerus. Der Einfluss von Byzanz [heute Istanbul], damals Hauptstadt des mächtigen oströmischen Reiches, war hier deutlich spürbar. Auf dem Land allerdings war die slawische Bevölkerung in der Mehrheit.
Lateinische Stadtstaaten Dalmatiens im 12. Jahrhundert: Iadera, Spalatum, Tragurium, Ragusa und Cattaro – heute Zadar, Split, Trogir, Dubrovnik in Kroatien und Kotor in Montenegro
Lateinische Stadtstaaten Dalmatiens im 12. Jahrhundert: Iadera, Spalatum, Tragurium, Ragusa und Cattaro – heute Zadar, Split, Trogir, Dubrovnik in Kroatien und Kotor in Montenegro
„Die administrative Teilung Dalmatiens in seinen byzantinischen und kroatisch-fränkischen Teil war nicht nur politisch. Der byzantinische Teil war begrenzt auf einige Küstenstädte wie Zadar [auch: Iadera, Zara], Split, Trogir [Trau] und Dubrovnik [Ragusa], sowie die Mehrzahl der Inseln an der ostadriatischen Küste. Der Rest der früheren römischen Provinz Dalmatia, zwischen der Adriaküste und der pannonischen Ebene, wurden von den Franken – also den Kroaten – kontrolliert.
Lateiner in den byzantinisch geprägten Städten des Frühmittelalters
Lateiner in den byzantinisch geprägten Städten des Frühmittelalters

Der byzantinische Teil war eine Region fortgesetzter, wenn auch reduzierter, römischer Lebensformen: Sprache, Religion, Wirtschaft, gesellschaftliche Organisation. Spuren vorslawischer Bevölkerung, territorialer Organisation sowie christliche Gemeinschaften waren im kroatischen Teil Dalmatiens zwar ebenso vorhanden, waren aber nur kleine Fragmente in der ansonsten vorherrschend slawischen, ländlichen und – bis zum Beginn des 9. Jahrhunderts – heidnischen Welt.“ erläutert der kroatische Historiker Neven Budak. 6

Herren und Sklaven

Doch Slawen und Lateiner unterschieden sich nicht nur kulturell. Ein unseliges Erbe aus vergangenen Zeiten römischer Kultur war in dieser Zeit auch die Sklaverei: „Es kann kaum bezweifelt werden, dass die Praxis der Sklavenhaltung in den Städten Dalmatiens und auf den Inseln ihre Ursprünge in der römischen Vergangenheit der Provinz hatte … Entgegengesetzt zur römischen Praxis hatten die slawischen Gesellschaften, die sich in der Umgebung der Städte Dalmatiens und nahe den Ruinen früherer römischer Städte wie Salona und Narona entwickelten, keine Tradition der Sklavenhaltung …“ so Budak. Das änderte sich erst mit der Eroberung Kroatiens durch die Karolinger und die Einsetzung fränkischer Großgrundbesitzer. 7
Verhandlung um die Freilassung christlicher Sklaven
Verhandlung um die Freilassung christlicher Sklaven

Im Laufe der Zeit wandelte sich die Form der Sklaverei: „Die Sklaven im 9. Jahrhundert lebten auf königlichen Gütern, oder auf Ländereien, die von kroatischen Herrschern der Kirche gegeben wurden. Zwei Jahrhunderte später begannen reiche adlige Familien aus dalmatinischen Städten wie Zadar, Split oder Dubrovnik, freie slawische Bauern aus dem küstennahen Hinterland zu versklaven, um ihre Arbeitskraft auf Gütern einzusetzen, die Kirchen und Klöstern unter ihrer Schirmherrschaft gehörten.“ erläutert Budak weiter. 8 Für die Bogomilen sollte diese Entwicklung in späteren Jahrhunderten noch viel Leid bringen.

Historische Dokumente beschreiben einen solchen Fall, nämlich die Gründung eines Klosters durch Peter de Gumay, einen reichen Bürger von Split: „Peter erwarb viel Land und beinahe 60 Sklaven für sein Kloster. Manche wurden gekauft, manche stellten sich selbst – einer wurde Sklave, da er seine Schulden nicht bezahlen konnte – ein anderer, da der Abt seine Krankheit geheilt hatte. Sklaven wurden verkauft von Händlern, die möglicherweise Piraten waren, von ihren Eltern oder Verwandten, oder durch sich selbst. Zweifellos kaufte Peter seine Sklaven vor allem, da er sie in der Landwirtschaft und der Viehzucht benötigte, obwohl einigen von ihnen möglicherweise auch für andere Arbeiten ausgewählt wurden. Einem kleinen Jungen namens Zloba [kroatisch für ‚Bosheit‘], der von seinem Vater verkauft wurde, brachte man Lesen und Schreiben bei – und er blieb anschließend sein Leben lang als Priester in der Kirche der Hl. Peter.“ 9

Dalmantien – Zankapfel der Großmächte

Zur Zeit der Bogomilen stand Dalmatien zwischen gleich vier Mächten: Byzanz – das orthodoxen oströmischen Reich, der erstarkende serbische Staat der Nemanjiden, das Königreich der Ungarn und Kroaten sowie die aufstrebende katholische Handelsrepublik Venedig rangen um Einfluss, Macht und Profit.

„Einsetzend mit der Einnahme der Städtereihe von Krk bis Split durch den ungarisch-kroatischen König Koloman 1105, strebten im 12. Jahrhundert verschieden Mächte danach, die dalmatinischen Städte in ihren Herrschaftsbereich einzubeziehen. Nach wechselvollen Jahrzehnten standen 1205 die Städte von Osor [auf der Insel Cres] bis Zadar unter venezianischer Herrschaft, ebenso Dubrovnik. Trogir und Split erkannten den ungarisch-kroatischen König an, Kotor den serbischen Großžupan. Die Erneuerung der byzantinischen Herrschaft 1165-1180 durch die Komnenen und die Oberhoheit Siziliens über Dubrovnik blieben Episoden.“ 10

Rege Handelsbeziehungen der Küstenstädte Dalmatiens bestanden beispielsweise mit der Republik von Venedig – aber auch dem bosnischen Hinterland und dem Bulgarischen Reich, wie etwa die Dubrovniker Urkunde belegt. 11

Seehandel in der Adria
Seehandel in der Adria

In diese turbulente und vielschichtige mediterrane Lebenswelt drang in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts die Lehre der Bogomilen erneut vor. Und möglicherweise fiel sie dabei auch auf fruchtbaren Boden, den die bogomilischen Gesandten ein Jahrhundert zuvor in der Region bereitet hatten.

Der kroatische Historiker Franjo Šanjek schreibt: „Der katharisch-dualistische Irrglaube in Kroatien ist das Werk dalmatinischer und bosnischer Händler, die dem Dualismus in Konstantinopel begegneten. Die ersten katharischen Gemeinden an unserer Küste wurden in Handelszentren gegründet. Von den bekannteren sind hier Split und Trogir zu nennen. Der Irrglaube verbreitete sich rasch dank der Mobilität seiner Verfechter, der Händler … Auf Grundlage der Angaben von Anselm [von Alexandrien] lässt sich schließen, dass die ersten katharisch-dualistischen Gemeinden in Kroatien zwischen der Ankunft französischer Kreuzritter in Konstantinopel 1147 und der katharischen Versammlung in Saint-Félix-de-Caraman bei Toulouse 1167 entstanden … Die vielfältigen Verbindungen zwischen Byzanz und unseren Küstenstädten begünstigten den Einfluss der Dualisten aus Konstantinopel auf unsere Leute.“ 12

Bischof Bernard von Split und die Brüder Zorobabel

Nachdem um 1180 der Erzbischof von Split auf einer Reise im Neretva-Tal von Piraten getötet13 worden war, kam es im Zuge des Machtkampfes zwischen dem ungarischen König Emmerich und seinem Bruder Andreas II. in Split zu einer Kirchenkrise: „Papst Innozenz III. exkommunizierte beide gewählten Erzbischöfe. Der erzbischöfliche Sitz von Split wurde nach der Exkommunikation vakant, und blieb dies bis 1200.“ Kurze Zeit später wählten die Einwohner von Split den Kleriker Bernard von Perugia zu ihrem Erzbischof. Dieser war zuvor Lehrer von Emmerich gewesen und daher dem ungarischen König loyal. 14

„Die Erzbischöfe spielten eine wichtige Rolle im Split des frühen Mittelalters. Sie waren nicht nur kirchliche Anführer, sondern nahmen auch am weltlichen Leben ihrer Gemeinde teil. Sie hatten ebenso wichtige Positionen in den außenpolitischen Angelegenheiten ihrer Stadt. Die Städte Dalmatiens sandten häufig ihre Bischöfe in den Diplomatendienst … Ihre Rolle gründete sich auf den Landbesitz der Kirche … In kommunalen Dokumenten wurden ihre Namen ehrenhalber direkt nach den Königen und Prinzen und noch vor den Stadtmagistraten genannt. Sie waren Mitglieder der federführenden Versammlungen und Zeugen oder Verfasser von Urkunden zu internen Angelegenheit der Stadt.“ erläutert die ungarische Historikerin Judit Gál. 15

Bernard kam im Jahr 1200 nach Split und begann mit seinem Wirken: „Bernard war ein Gelehrter, er hatte 30 Jahre und mehr in Bologna zugebracht, die Wissenschaften studierend … Er war zudem ein sehr enthusiastischer Verfolger von Häretikern … Er stellte ein Werk gegen Häretiker zusammen, und verfasste auch ein Buch mit Predigten.“ schreibt lobend der katholische, zeitgenössische Kirchenhistoriker Thomas Archidiakon. 16
Mittelalterlicher katholischer Priester
Mittelalterlicher katholischer Priester

Dieser vom Papst geweihte „Ketzerjäger“ begegnete nun in seinem neuen Bistum Split zwei bekannten Bogomilen – Matthäus und Aristodius Zorobabel. Geboren und aufgewachsen in der respektablen Bürgerschaft von Zadar, hatten sie sich den Bogomilen in Bosnien angeschlossen. Ob der Familienname Zorobabel von den Brüdern bewusst aufgrund seiner Bedeutung angenommen worden war, ist nicht überliefert. Im Alten Testament führte Zorobabel die Juden aus dem Babylonischen Exil. Die Bücher Haggai und Sacharja sprechen in der „Verheißung an den Davidssohn“ eine deutliche Sprache:

„Am vierundzwanzigsten Tag des Monats erging das Wort des Herrn ein zweites Mal an Haggai: Sag zu Zorobabel, dem Statthalter von Juda:

Ich lasse den Himmel und die Erde erbeben. Ich stürze die Throne der Könige und zerschlage die Macht der Königreiche der Völker. Ich stoße die Kriegswagen samt ihren Fahrern um, die Pferde sinken samt ihren Reitern zu Boden, einer vom Schwert des andern getroffen.“ 17

Zorobabel ermutigt zum Aufbruch in die Heimat
Zorobabel ermutigt zum Aufbruch in die Heimat

„So lautet das Wort des Herrn an Zorobabel: Nicht durch Macht, nicht durch Kraft, allein durch meinen Geist! – spricht der Herr der Heere.“ 18

Der Katholik Thomas Archidiakon ereifert sich über das Wirken der Brüder: „Sie verbrachten den Großteil ihrer Zeit in Bosnien, denn sie waren hervorragende Maler und bewandert in der Goldschmiedekunst. Sie besaßen auch ein fundiertes Wissen des Lateinischen und der slawischen Sprache und Schrift. Aber verführt vom Teufel, waren sie so tief in den verpesteten Abgrund der Häresie eingetaucht, dass sie nicht nur blinden Herzens die unheilige Häresie glaubten, sondern sie sogar mit ihren boshaften Lippen predigten. [Erzbischof] Bernard entdeckte, dass diese Männer in Split weilten, und dass viele andere bereits von ihren korrupten Lehren angesteckt worden waren.“

Nachdem seine Überredungskünste scheiterten und die Brüder Zorobabel nicht in den Schoß der Kirche zurückkehrten, beschlagnahmte Bernard ihre gesamten Besitztümer, belegte sie mit dem anathema – also dem Kirchenbann – und vertrieb sie mit Schimpf und Schande aus der Stadt. Diese Maßnahmen zeigten letztlich die gewünschte Wirkung. 19

Šanjek erläutert: „Es scheint allerdings, dass mit der Bekehrung von Matthäus und Aristodius die Häresie in Split und Umgebung nicht ausgerottet war. Am 11. Oktober 1200 meldete Papst Innozenz III. dem kroatisch-ungarischen König Emmerich, dass der bosnische Ban Kulin zahlreichen Patarenern Zuflucht gewährt hat, die Erzbischof Bernard aus den dalmatinischen Städten Split und Trogir vertrieben hatte.“ 20

Dieses Asyl, das der bosnische Fürst Kulin Ban den verfolgten Bogomilen aus Dalmatien und auch Serbien gewährte, blieb indes in Rom nicht unbemerkt: Papst Innozenz III. war erbost und intervenierte mit Nachdruck.

„Bernard starb 1217, während König Andreas II. einen Kreuzzug anführte und sich in Split aufhielt. Der König verlangte von der Bürgerschaft und dem Klerus, seinen Kandidaten zum Erzbischof zu wählen, einen gewissen Alexander den Arzt, aber sie wiesen ihn zurück. Im Zuge der folgenden zwei Jahre blieb der erzbischöfliche Sitz in Split leer.“ so Gál. Diese erneute Kirchenkrise hielt zwei Jahre lang an. Insgesamt wurden sieben Kandidaten für das Amt vorgeschlagen, jedoch nicht bestätigt – oder sie lehnten es ab, Erzbischof zu werden. 21

Bogumilen-freundliche Fürsten in Split

In den folgenden Jahrzehnten fand in Split und Umgebung ein Ringen zwischen katholischen Fürsten und solchen aus Dalmatien, die den Bogomilen aufgeschlossen oder gar unterstützend gegenüberstanden. Nach der Zerstörung der Bogomilen-freundlichen, reichen Küstenstadt Zadar im Norden Dalmatiens durch die Armee des Vierte Kreuzzugs 1204 zogen kirchentreue Machthaber auch weiter südlich in den bewaffneten Kampf gegen ketzerfreundliche Fürsten.

Thomas Archidiakon schildert in seiner Historia Salonitana, wie im Jahr 1223 Graf Gregor, ein katholischer Fürst aus dem einflussreichen kroatischen Adelsgeschlecht der Šubići,  den Grafen Višen von Split besiegte und tötete: „Danach brach ein großer Krieg zwischen Graf Gregor von Bribir und Graf Višen von Split. Višen lebte in Zvonigrad [nahe der heutigen Ervenik]; und obwohl er von Adel, reich und mächtig war, war er trotzdem ein Schutzpatron der Häretiker. Nachdem der Disput zwischen Gregor und ihm für eine lange Zeit gewütet hatte, waren beide Parteien zwangsläufig durch ihre regelmäßigen Zusammenstöße geschwächt, obwohl der Trupp von Višen stärker zu sein schien.“ Doch Graf Višen unterlag, wurde gefangen genommen und von Gregor exekutiert. 22

Historisches Stadtzentrum von Split an der Adriaküste
Historisches Stadtzentrum von Split an der Adriaküste

„Nun ernannten die Einwohner von Split einen gewissen Peter, den Fürsten von Hum [Zachumlien], zu ihrem Grafen. Peter war, sicherlich, ein mächtiger in kriegerischer Mann, aber nicht frei von der unreinen Schande der Häresie. Aus diesem Grunde wurde er vom Klerus nicht akzeptiert. Aber die Laienschaft, wie immer schnell mit unbesonnenen Handlungen, kam mit Macht und großem Aufruhr zur Kirche, entwendete die Schlüssel des Torwächters und führte Peter in die Kirche. Als die Neuigkeiten dieser Affäre [dem päpstlichen Legaten] Acontius zu Ohren kamen, verfügte er über die gesamte Stadt ein Interdikt, und die heilige Messe wurde für beinahe ein Jahr nicht gelesen.“ schreibt Thomas Archidiakon weiter.23

Graf Peter von Hum, Machthaber von Gnaden der Einwohner von Split, behielt diese Stellung bis 1227. Für Thomas Archidiakon war das Volk daher schuldig „des Sakrilegs, Peter ernannt zu haben dem kirchlichen Verbote zum Trotz“. 24

Der Mongolensturm 1241

Der Papst und seine Vasallen bemühten sich auch in den folgenden Jahren nach Kräften, die Bogomilen besonders in Bosnien und Bulgarien auszurotten. Die Bemühungen gipfelten in einem Kreuzzug des ungarisch-kroatischen Königs. 25

Der Mongolensturm Mitte des 13. Jahrhunderts verwüstete Südosteuropa
Der Mongolensturm Mitte des 13. Jahrhunderts verwüstete Südosteuropa

Doch „der mit elementarer Kraft über Osteuropa hinwegfegende Mongolensturm der Jahre 1241/42“ 26 dezimierte die katholische Herrscherelite samt ihrer Truppen in der Region, und erreichte letztlich auch die Küstenstädte Dalmatiens: „Obwohl sie [die Mongolen] nah waren, erschien den Einwohnern von Split das alles unglaublich. Aber als ein Teil von ihnen von den Bergen herabkam, tauchten einige von ihnen plötzlich vor den Mauern der Stadt auf … Als die Ungarn ihre Banner sahen, erstarrten sie. Sie wurden von einer solchen Angst erfasst, dass sie alle in die Kirche flohen …“ schildert Thomas Archidiakon. 27

Die Stadt füllte sich mit ungarischen Flüchtlingen, die verzweifelt den anrückenden Mongolen zu entkommen versuchten. Split und Trogir wurden belagert, auch mit schwerem Kriegsgerät. Doch den Angreifern gelang es nicht, die stark befestigten Städte zu stürmen. Als sie schließlich bemerkten, dass sich der gesuchte ungarische König nicht in Dalmatien befand, wurde die Belagerung schließlich abgebrochen und die Horden zogen weiter: Dubrovnik blieb verschont, doch die Küstenstadt Kotor im heutigen Montenegro wurde ein Opfer der Flammen. 28

Spätere Zeugnisse

In den folgenden Jahrzehnten finden sich nur noch wenige Hinweise auf Bogomilen in Dalmatien. Der irische Franziskanermönch Symon beschrieb in seinem Reisetagebuch auch einige Beobachtungen aus Zadar um das Jahr 1323: „Er beobachtete auch, dass viele slawische Barbaren in der Stadt lebten, und meinte damit die Orthodoxen, die größtenteils aus Raszien [Serbien] stammten, aber auch Patarener oder bosnische krstjani [Bogomilen], die er schismatische Händler und Häretiker nannte – anmerkend, dass sie sich von den lokalen lateinischen Katholiken in Kleidung und Sprache unterschieden.“ 29

Die katholische Allianz aus Kirche und Staat setzte sich zunehmend durch: „Um das Jahr 1335 erließen die Stadträte von Split und Trogir Beschlüsse, dass Häretiker und Patarener, oder wie sie auch heißen mögen, die Stadt Split nicht betreten dürfen, ebenso wenig Trogir und den gesamten Bezirk … unter Strafandrohung des Todes auf dem Scheiterhaufen und der Beschlagnahme von Hab und Gut.“ 30

Dubrovnik – Segen, Zuflucht und Fluch

In den folgenden Jahrhunderten nahm vor allem Dubrovnik in der Geschichte der Bogomilen eine Sonderstellung ein. Diese unabhängige und reiche Handelsstadt war für die Bogomilen Bosniens Segen, Zuflucht und Fluch zugleich. Der kroatische Historiker Mandić führt aus:

„Die Republik von Dubrovnik lag an der Grenze des mittelalterlichen Bosniens und Zachumliens und unterhielt mit ihnen [den Bogomilen] enge und häufige Verbindungen. Bekanntermaßen duldeten die Dubrovniker unter ihren Städtern keine anderen Bekenntnisse außer des katholischen. Aber mit den Angehörigen benachbarter Länder, auch wenn sie Falschgläubige oder Schismatiker waren, waren die Dubrovniker im Rahmen ihrer Geschäfte recht großherzig und freundschaftlich.“ 31

„Diese Freundschaft zeigten sie insbesondere gegenüber den bosnischen Christen bei der Ausübung ihres politischen Einflusses in Bosnien. Sie empfingen diese gerne in der Stadt, besonders zu Zeiten ihrer häufigen Gesandtschaften, die sie im Namen bosnischer Herrscher und Magnaten unternahmen. Die Dubrovniker schrieben sich häufig mit dem bosnischen djed [Ältester der Bogumilen] und den Amtsträgern der bosnischen Kirche, sandten ihnen Geschenke, übernachteten bei Handelsreisen nach Bosnien in ihren Gästehäusern und lagerten ihre Waren bei ihnen.“ 32

Wirtschaftlichen Interessen waren auch der Grund für eine tolerantere Haltung der kirchlichen Würdenträger der Stadt: „Die Dubrovniker Erzbischöfe Tribun Micheli (1158-1188) und Bernard (1189-1203), mischten sich kaum in die Belange der bosnischen Kirche [der Bogomilen] ein, um die Bosnier und Kulin Ban nicht zu verprellen. So konnten die bosnischen Christen frei wirken und sich verbreiten.“ 33

Stadttor von Dubrovnik
Stadttor von Dubrovnik
„Nicht nur einmal empfingen die Dubrovniker in der Stadt verfolgte Gläubige die bosnischen Kirche und schützten sie dort auch vor den bosnischen Herrschern höchstselbst. In jeder größeren Stadt Bosniens hatten die Dubrovniker ihre Handels- oder Bergbaukolonien, und lebten daher in täglichem Kontakt mit den bosnischen Christen und ihren Gläubigen. Während dieses langen Verkehrs mit den bosnischen Christen, den wir volle 300 Jahre nachverfolgen können – vom 12. bis gegen Ende des 15. Jahrhunderts – untersuchten und erfuhren die Dubrovniker genau, was die bosnischen Christen glaubten, welchen Riten sie folgten und worin sie sich von ihrem katholischen Glauben unterschieden.“ 34 Doch diese genaue Kenntnis der Bogomilen-Gemeinden erwies sich auch immer wieder als Fluch: Dubrovniker Kaufleute waren bis ins Spätmittelalter fortgesetzt in den Sklavenhandel verstrickt. Die oft wehrlose Landbevölkerung Bosniens stellte für sie und ihre Handlanger leichte Beute und – neben etwa dem Silberbergbau – eine zusätzliche Quelle von Profit dar.

Quellen / vrela / viri / izvori:

  1. siehe Dominik Mandić, Bosna i Hercegovina – Svezak II, Ziral, Chicago, 1979 - S. 160
  2. siehe Karbić et al. - S. 85
  3. siehe Karbić et al. - S. 85
  4. Übersetzung aus: Mandić - S. 160
  5. siehe Mandić - S. 161
  6. Übersetzung aus: Neven Budak, Slavery in Late Medieval Dalmatia/Croatia: Labour, Legal Status, Integration, in: Mélanges de l'École française de Rome / Moyen Âge / Tome 112 - 2000 - 2, Rom, 2000 - S. 745 f. - via journals.openedition.org/mefrm
  7. siehe Budak - S. 749
  8. Übersetzung aus: Budak - S. 749
  9. Übersetzung aus: Budak - S. 748
  10. Edgar Hösch / Karl Nehring, Lexikon zur Geschichte Südosteuropas, Böhlau UTB, Wien, 2004 - S. 177
  11. siehe Dubrovniker Urkunde - via wikipedia.de
  12. Übersetzung aus: Franjo Šanjek, Bosansko Humski Krstjani, Kršćanska Sadašnjost, Zagreb, 1975 - S. 51 f.
  13. siehe John V.A. Fine, The Late Medieval Balkans, University Michigan, 2009 - S. 20
  14. siehe Judit Gál, The Roles and Loyalties of the Bishops and Archbishops of Dalmatia (1102-1301), in: Hungarian Historical Review 3, no. 3 (2014), via hunghist.org - S. 476
  15. siehe Gál - S. 473
  16. Übersetzung aus: Damir Karbić et al., Archdeacon Thomas of Split – History of the Bishops of Salona and Split, CEU Press, Budapest, 2006 - S. 153, S. 137 f.
  17. Die Bibel in der Einheitsübersetzung von 1980, Universität Innsbruck - Hag 2,20-23
  18. Die Bibel in der Einheitsübersetzung von 1980, Universität Innsbruck - Sach 4,6
  19. siehe Karbić et al. - S. 139
  20. Übersetzung aus: Šanjek - S. 51
  21. siehe Gál - S. 476
  22. Übersetzung aus: Karbić et al. - S. 186 f.
  23. Übersetzung aus: Karbić et al. - S. 189
  24. siehe Karbić et al. - S. 188, 195
  25. siehe Fine - S. 144
  26. Edgar Hösch, Geschichte der Balkanländer, Beck, München, 2008 - S. 67
  27. Karbić et al. - S. 297
  28. siehe Karbić et al. - S. 299 f.
  29. Zoran Ladić, Croatian Regions, Cities-Communes, and Their Population in the Eastern Adriatic in the Travelogues of Medieval European Pilgrims, Croatian Academy of Sciences and Arts - via academia.edu
  30. Übersetzung aus: Mandić - S. 80
  31. Übersetzung aus: Mandić - S. 83 f.
  32. Übersetzung aus: Mandić - S. 83 f.
  33. Übersetzung aus: Mandić - S. 163
  34. Übersetzung aus: Mandić - S. 83 f.

Bildquellen / vrela slika / viri slik / izvori slika:

  • Bogomilen und katholische Priester: © die-bogomilen.de
  • Glagolitische Kirchenschrift: Blaž Baromić, Public domain, via Wikimedia Commons
  • Lateiner in den byzantinisch geprägten Städten des Frühmittelalters: Friedrich Hottenroth, Trachten, Haus, Feld- und Kriegsgerätschaften der Völker alter und neuer Zeit, Weise, Stuttgart, 1891
  • Verhandlung um die Freilassung christlicher Sklaven: Unknown photographer, Public domain, via Wikimedia Commons
  • Seehandel in der Adria: Abraham Storck, Public domain, via Wikimedia Commons
  • Mittelalterlicher katholischer Priester: Paul Mercuri, Public domain, via Wikimedia Commons
  • Zorobabel ermutigt zum Aufbruch in die Heimat: Julius Schnorr von Carolsfeld, Public domain, via Wikimedia Commons
  • Historisches Stadtzentrum von Split an der Adriaküste: DIREKTOR, Public domain, via Wikimedia Commons
  • Der Mongolensturm Mitte des 13. Jahrhunderts verwüstete Südosteuropa: Unknown author, Public domain, via Wikimedia Commons
  • Stadttor von Dubrovnik: Jerzy Strzelecki, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons