Stećci – Mahnmale der Bogomilen?

Zehntausende eindrucksvolle Denkmale finden sich in den früheren Heimatregionen der Bogomilen. Sie werden stećci genannt, und geben bis heute Rätsel auf. Waren sie Zeugnisse bogomilischen Glaubens und Lebens? Oder sogar Mahnmale der Verfolgung durch die kirchliche Inquisition?

In Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Serbien und Montenegro stehen – meist an abgelegenen Orten – über 70.000 stećci, verteilt auf über 4.000 Stätten. Seit 2016 wurden einige dieser mittelalterlichen Stätten als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt.

Stecci
„In der Herzegowina und in Bosnien wird der aufmerksame Wanderer immer wieder größeren und kleineren Gruppen von mächtigen, durch Menschenhand zugehauenen Steinblöcken begegnen. Diese Steine finden sich meistens an besonders schönen Orten: auf Anhöhen, auf alten illyrischen Grabhügeln, in fruchtbaren Tälern bei alten Hainen, in verborgenen Waldlichtungen. Oft sind sie in der Richtung nach Osten aufgereiht. Sie sehen aus wie uralte Grabstätten … Wo sind die Dörfer, die Siedlungen, die einmal zu diesen einsamen, oft von dichter Vegetation überwucherten, manchmal tief in der Erde versunkenen Totensteinen gehörten?“ schreibt Rudolf Kutzli. 1

Eindrücke

Stečak, gesprochen [stetschak] – also „stehender Stein“, mit dem Plural stećci, gesprochen [stetschtsi] – oder einfach mramor, also „Marmor“, sind die häufigsten Bezeichnungen für diese Monolithen. 2 „Oft sind die Steine erstaunlich groß; ein besonders mächtiger stečak wurde auf über 29 Tonnen Gewicht geschätzt. Die Blöcke entstammen meistens Steinbrüchen in der Umgebung; man kann dort stellenweise halb ausgebrochene Steine noch vorfinden.“ so Kutzli weiter. 3

Durch Raubbau an der steinernen Substanz gingen besonders im 19. Jahrhundert zahlreiche stećci verloren: Österreich-Ungarns kaiserliche Truppen nutzen viele der damals noch geschätzt 150.000 Steine als Baumaterial. 4 Der Großteil der heute noch erhaltenen über 70.000 stećci ist glatt behauen. Nur wenige 1.000 tragen Schmuckreliefs, und nur auf einigen 100 wurden Inschriften eingemeißelt. 5 Wind und Wetter haben über die Jahrhunderte viele Reliefs beinahe unkenntlich gemacht.

Wer errichtete die stećci – und wann?

Die Ursprünge dieser Bestattungstradition wurden bis heute nicht eindeutig geklärt: Im Neretva-Tal begannen vertriebene Kroaten bereits im 7. und 8. Jahrhundert damit, reich verzierte Grabdenkmäler zu errichten. 6 Ein Friedhof bei Konjic beispielsweise, mit Gräbern aus dem 10. bis 15. Jahrhundert, zeigt einen Übergang von einfachen Gruften hin zu mit stećci bestandenen Grabstätten. 7 Insbesondere ab dem 12. Jahrhundert bis zur türkischen Invasion im 15. Jahrhundert wurden stećci vor allem auf dem Gebiet des sich ausdehnenden Königreiches Bosnien errichtet. 8

Ihr Verbreitungsgebiet „deckt sich weithin mit dem Verbreitungsgebiet des Bogomilentums“ 9, so der Historiker Georg Wild – „wobei für die Erfassung des bogomilischen Siedlungsgebietes die Unterlagen der türkischen Verwaltung von unschätzbarem Wert sind. Danach siedelten die Bogomilen am Mittel- und Oberlauf der Neretva, am Oberlauf der Drina und vor allem in Zentralbosnien. Von der Küste her schob sich in das bogomilische Siedlungsgebiet das der Katholiken, das sich über Zentralbosnien bis zur Mündung der Drina in die Save erstreckte …“ 10

Ausdehnung des Königreichs Bosnien vom 12.-14. Jahrhundert
Ausdehnung des Königreichs Bosnien vom 12.-14. Jahrhundert

Der älteste dekorierte stečak, der eindeutig durch eine Inschrift datiert werden kann, stammt aus dem Jahr 1391. 11 Die Blütezeit der Steinmetzkunst der stećci fällt in das 14. und 15. Jahrhundert. 12 Einer der jüngsten derart zeitlich zuordenbaren Steine – dekoriert mit einem Tanz, Tieren, einer Hirschjagd und einem Schild – stammt aus dem Jahr 1477. 13

Die britische Kunsthistorikerin Marian Wenzel erläutert: „Es scheint, dass die frühesten verzierten Grabsteine von Mitgliedern einer feudalen Aristokratie errichtet wurden, und dass dieser Brauch später übernommen und die Dekoration weiter ausgearbeitet wurde – durch bestimmte Gruppen bekannt als Vlachen, die auf Stammesbasis nicht-feudal organisiert waren. Die Vlachen, ökonomisch gestärkt als Folge ihrer Geschäfte mit Kaufleuten aus Dubrovnik, übernahmen diesen Brauch in Nachahmung der höheren Stände. Es ist sehr wahrscheinlich, dass andere nicht-vlachische Einwohner von Bosnien und Herzegowina denselben Brauch aus denselben Gründen übernahmen.“ 14 Wenzel weist damit auch auf die stećci mit Bildreliefs bogomilischen Ursprungs hin.

Ursprünge von Motiven der stećci

Besonders die mit bildhaften Motiven verzierten stećci geben Einblick in die Sozial- und Geistesgeschichte Bosniens und Dalmatiens ihrer Entstehungszeit. Wenzel, die in ihrem umfangreichen Werk über 3.000 Bildreliefs der stećci auswertete, schreibt dazu: „Die Forschung auf diesem Gebiet wurde von Spekulationen beeinträchtigt, die einen gemeinsamen Ursprung für alle stećci und alle Verzierungen auf ihnen annehmen, und die zu einer absurden Selektion und Verzerrung von Beweisen geführt haben. … Eine Sache die stećci betreffend, welche recht schlüssig bewiesen wurde, ist, dass ihre dekorativen Motive keinen gemeinsamen Ursprung haben.“ 15

Neben dem Landadel werden etliche stećci auch den Vlachen zugeschrieben: Teils aus Serbien wegen ihres bogomilischen Glaubens vertrieben, fanden sie in Bosnien Zuflucht. Weitere Grabmale gehen wohl auf sesshafte Bogomilen und ihre Bosnische Kirche zurück.

Auf Steinblöcken in unterschiedlichsten Formen sind Reliefs mit weltlichen Symbolen und Inschriften zu finden, aber auch eine große Bandbreite weiterer Motive: stilisierte Menschen, oft im Kolo-Tanz vereint, Früchte, Ornamente, Kreuze – ausnahmslos ohne Korpus – und Tiere, insbesondere Vögel und Hirsche.

Stecak-Motiv Vögel
Stecak-Motiv Ornamente

„Das veröffentlichte Material bietet uns viele eigenartige Bilder und Ornamente, die sich von der jugoslawischen Volkskunst weitgehend unterscheiden und in ihrer Gesamtheit etwas Einzigartiges in Europa bilden. Man kann sie nur mit dem spärlichen Katharerdenkmälern aus Südfrankreich vergleichen.“ so der Historiker Alexander V. Soloviev. Er versuchte zu ergründen, „ob das ganze Ornamentsystem nur profane [weltliche] Elemente bietet … oder ob es auch einen tieferen religiösen Sinn enthält.“ 16

Gerade die Motive bogomilischen Ursprungs berührten den renommierten jugoslawischen Kunsthistoriker Oto Bihalji-Merin: „Die einzigartige Kunst der Nekropolen von Bosnien und der Herzegowina ist eine bodenständig gewachsene, inselhafte Kunst … Mächtige emotionale Einflüsse müssen wirksam gewesen sein, um die urwüchsige Bildhaftigkeit, die an die Frühzeit der Menschheit gemahnt, zu erleben und zu erwecken. Eine steinerne Bildwelt, von einer Idee getragen, die offenbar so wichtig war, dass sie, eingemeißelt und vertausendfacht, bis in unsere Tage erhalten blieb … Nicht selten haben die mittelalterlichen Steinmetzen dieser Landschaft, die oft Schmiede ihres Dorfes waren, sanfte Rehe und mächtige Hirsche in die Steinflächen gemeißelt. Einprägsame Naivität und seelische Ausdruckskraft geben allen Geschöpfen eine feierlich-poetische, rhythmische Strenge.“ 17

Die Bildsprache der Paulikianer

Einer der ursprünglichen Glaubenseinflüsse auf die Bildwelt auf den stecći liegt möglicherweise im Kaukasus, genauer im heutigen Armenien. Im 7. Jahrhundert n. Chr. lebten und wirkten hier die Paulikianer, die in den Anfängen des Bogomilentums in Bulgarien einen gewissen Einfluss ausübten. Ein fotografischer Vergleich von Gorčin Dizdar 18 zeigt erstaunliche künstlerische Parallelen auf.

Darstellung von Mensch und Tieren auf einem Grabstein in Noratus, Armenien
Darstellung von Mensch und Tieren auf einem Grabstein in Noratus, Armenien
Mit stilisierten Darstellungen von Tieren dekorierter Grabstein in Vorotnavank, Armenien
Mit stilisierten Darstellungen von Tieren dekorierter Grabstein in Vorotnavank, Armenien

Die oben abgebildete Grabmale aus Armenien zeigt eine lebendige Bildsprache mit Menschen, Tieren und Ornamenten in naiv anmutenden, ausdrucksstarken Formen. Auf stećci – obwohl Jahrhunderte später entstanden – lassen sich Darstellungen ganz ähnlichen Inhalts und Stils finden:

Stečak in Brotnice bei Dubrovnik
Stečak in Brotnice bei Dubrovnik
Stečak in Hodovo bei Stolac
Stečak in Hodovo bei Stolac

Soloviev erläutert: „Wir können vermuten, dass schon im 12. Jahrhundert die Bogomilen und Katharer eine umfassende, gut ausgebildete Symbolik der Grabzeichen besaßen, die sie vielleicht aus Kleinasien, aus manichäischen und paulikianischen Wurzeln geerbt hatten.“ 19 

Die stećci – Grabmale oder nicht?

Doch waren die stećci tatsächlich Grabmale? Der bosnische Philosoph und Historiker Muhamed Filipović gibt differenzierte Antworten: „Die gewaltige Anzahl der stećci kann als Beweis dafür ausgelegt werden für die Behauptung, dass die bosnischen krstjani [die Bogomilen] keine Tradition eines Begräbnisses in geweihter Erde praktizierten, sondern dass sie die gesamte Erde, die sie bewohnten – und besonders Waldlichtungen und ähnliche Orte – als heilig erachteten …“ 20

Zur Verbindung der stećci mit der Bosnischen Kirche der Bogomilen erläutert Filipović weiter: „Dabei muss der Sachverhalt in Betracht gezogen werden, dass es einen Unterschied gab in der Behandlung einfacher Anhänger dieser Kirche, den mrsni ljudi. Es ist korrekt anzunehmen – und Grundlage dafür ist die Anzahl der stećci, die sich konträr zur kleinen Zahl der perfecti der Bosnischen Kirche [der Bogomilen] verhält – dass die stećci denen errichtet wurden, die in der Mehrzahl waren. Und das waren die einfachen mrsni ljudi.“

„Nur in einigen Fällen ist klar – denn so steht es auf dem stečak, dass es stećci gab, die auch denen errichtet wurden, die dem Orden der Vollkommenen perfecti angehörten. Im Gegenteil: Man kann annehmen, dass der Mehrheit dieser Menschen keine Grabmale, also stećci errichtet wurden – nur in außergewöhnlichen Fällen. Denn das hätte dem Grundprinzip dieser Kirche widersprochen: Nämlich dass dieses Leben keine Bedeutung hat, und dass es deshalb unnötig ist, Gräber zu errichten, die auf irgendeine Art und Weise das diesseitige Leben des Menschen zelebrieren.“ 21

Die stećci sind also durchaus als Grabmale zu verstehen – doch nicht für den „inneren Kreis“ der Bogomilen und ihrer Bosnischen Kirche, sondern in der Regel für die Mehrheit der einfachen Gläubigen dieser Kirche aus dem Volk. Zudem sind die Stätten, an denen sich stećci befinden, nicht im heutigen, oft katholischen Sinne als Friedhöfe, Nekropolen und Orte der Trauer zu sehen – sondern wohl als besondere Erinnerungsorte in einer durch und durch als heilig verstandenen Natur.

Bogomilische Symbole und ihre Bedeutung

Was bedeuteten nun die Motive der stećci den Menschen, die sie schufen? „Wir können das Motiv erkennen … Wir müssen das Motiv auf eine Art lesen, bei der wir die christliche Ikonografie gut kennen, also die einer alten Kultur, aus der die Künstler Symbole übernahmen … Und aus der Konstellation von Motiven können wir erschließen, was der Künstler aus der damaligen Perspektive – nicht der heutigen – darstellen wollte.“, so Dr. Ema Mazrak in einem von der UN geförderten Video-Beitrag.

Nationalen Historikern mit katholischer, orthodoxer, muslimischer oder – im früheren Jugoslawien kommunistischer – Perspektive oder teils Agenda fiel und fällt dies grundsätzlich schwer. Die inhaltliche Interpretation dekorierter stećci wurde häufig Gegenstand politischer Vereinnahmung oder geschah einseitig. Unvoreingenommene Betrachtungen bogomilischer Darstellungen wie die folgenden von Alexander V. Soloviev oder Georg Wild sind daher selten.

Der Hirsch: der Geistgetaufte, die Seele

Hirsch-Motiv mit ausgeprägtem Geweih auf einem stečak in Čengić Bara bei Kladovo Polje, Ulog
Hirsch-Motiv mit ausgeprägtem Geweih auf einem stečak in Čengić Bara bei Kladovo Polje, Ulog

Der Hirsch ist von allen gezeigten Tieren das auf stećci am häufigsten22 vertretene: allein, in Gruppen, oder als Opfer einer Jagd. „Wohl keinem bogomilischen Symbol ist soviel Gewalt angetan worden, wie diesem.“ schreibt Wild. 23

Dieses Tier stand für den Geistgetauften der Bogomilen: „Im Mittelalter ist der Hirsch ein gängiges Symbol für die erneuernde Kraft der Taufe … Auch im Bogomilentum ist der Hirsch Taufsymbol, aber eben im Verständnis dieser Glaubensgemeinschaft: Der durch das consolamentum, die Geisttaufe, erneuerte Mensch, der bogomilische perfectus, lebt im ursprünglich sündlosen Zustand … Aber auch als Sündloser, der zwar nicht mehr von der Welt ist, der aber bis zu seinem leiblichen Tod immer noch in der Welt lebt, ist er den Angriffen des Bösen ausgeliefert.“ 24

Auch vor dem Aufleben der Bogomilen war der Hirsch als geistiges Symbol in Europa bekannt, so der kroatische Historiker Mužić: „In antiker Zeit glaubte man, dass der Hirsch jedes Jahr sein Geweih verliert, damit ihm im kommenden Jahr ein größeres, stärkeres, und schöneres wächst. So wurde das Geweih im Volksglauben zu einem Symbol, das in sich auf vortrefflichste Art den Tod und die Wiedergeburt vereint …“ 25

Das Kreuz ohne Korpus: ein Lichtkreuz

Ausgewählte Kreuzsymbole auf stećci: ein einfaches Kreuz ohne Korpus in Čerin, Mostar - ein stilisiertes Lichtkreuz mit Vögeln und Halbmonden in Bijela Rudina, Bileća - ein anthropomorphes Kreuz in Milavići, Stolac
Ausgewählte Kreuzsymbole auf stećci: ein einfaches Kreuz ohne Korpus in Čerin, Mostar - ein stilisiertes Lichtkreuz mit Vögeln und Halbmonden in Bijela Rudina, Bileća - ein anthropomorphes Kreuz in Milavići, Stolac

„Das realistische Kruzifix, seit dem 8. Jahrhundert in der lateinischen Kirche bekannt, war für die Manichäer und Bogomilen ein Greuel …“ erklärt Soloviev – und ergänzt, dass laut einem manichäischen Text Jesus zu Johannes sagte: „Für sie nenne ich dieses Lichtkreuz bald das Wort, bald die Vernunft, bald Christus, bald die Tür.“ 26

„Auf den bosnischen Grabdenkmälern sieht man deutlich, dass das Kreuz oft ‚anthropomorph‘ gestaltet ist, dass es sogar manchmal ein Gesicht, manchmal zwei Füße, und sehr oft einen runden Kopf und runde Schultern hat. Man findet auch solche selbständige menschenähnliche Kreuze, die Christus selbst, in ein Kreuz verwandelt, bezeichnen. Eine realistische Kreuzigung finden wir in Bosnien nie dargestellt; ein Christus-Kreuz, auch ein Sonnenkreuz findet sich dagegen sehr oft auf Grabstätten.“ 27

Weitere Beispiele der Symbolik auf stećci, die auch von bogomilischen Vlachen in Bosnien geschaffen wurden, sind im Kapitel Vlachen – rastlose Bogomilen? zu finden.

Stecći im Kontext der Verfolgung der Bogomilen durch die katholische Kirche

Ähnlich wie den Paulikianern, die vom Byzantinischen Reich verfolgt, bekriegt und deportiert wurden, erging es auch den Bogomilen in Bosnien: „Vielen Motiven auf den Grabmälern ist in der Tat abzulesen, dass sie in einer Zeit der Verfolgung entstanden sein müssen – man betrachte beispielsweise die Vielzahl der Motive ‚verfolgter Hirsch‘ …“ stellt Kutzli fest. 28

Jagdszene mit verfolgtem Hirsch auf einem stečak in Čerin, Mostar
Jagdszene mit verfolgtem Hirsch auf einem stečak in Čerin, Mostar

Der Theologe und Historiker Wild erläutert: „Der Hirsch ist das Symbol für das bogomilische ‚Sakrament‘ der Geisttaufe … bzw. für denjenigen, der diese Geisttaufe empfangen hat.“ Die Jäger des Hirsches und ihre Hunde stehen damit für die „bösen Mächte“, die den Geistgetauften verfolgen. 29

In der bisherigen Forschung bleibt der soziale Kontext der Bogomilen-Verfolgung bei der Interpretation der stećci regelmäßig unbeachtet. Doch besonders die katholische Kirche in Rom ließ während der Entstehungszeit der bogomilischen stecći nichts unversucht, um die südslawischen Ketzer auszutreiben: Ob päpstliche Aufrufe zu Kreuzzügen oder intensive Missionierung Bosniens durch Dominikaner und Franziskaner und mit daraus folgend die Gründung der „Heiligen Inquisition“: Es ist anzunehmen, dass die Mittel der verfolgten Bogomilen-Gemeinschaften, sich gesellschaftlich auszudrücken, vom 13.-15. Jahrhundert immer beschränkter wurden.

Und was bietet sich in diesem repressiven Lebensumfeld besser an, um der Nachwelt ein bleibendes Zeugnis der eigenen inneren Glaubenswelt zu hinterlassen, als die steinernen Zeugnisse für den Übergang der Seele ins Jenseits?

Im Neuen Testament, das den Bogomilen gut bekannt war, heißt es über den Einzug von Jesus in Jerusalem: „Als er an die Stelle kam, wo der Weg vom Ölberg hinabführt, begannen alle Jünger freudig und mit lauter Stimme Gott zu loben wegen all der Wundertaten, die sie erlebt hatten. Sie riefen: Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Herrlichkeit in der Höhe! Da riefen ihm einige Pharisäer aus der Menge zu: Meister, bring deine Jünger zum Schweigen! Er erwiderte: Ich sage euch: Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien.“ 30

Um etwa Verwandte und Steinmetze nicht in Gefahr zu bringen, ist für diese bogomilischen Mahnmale auch die Verwendung chiffrierter Symbole nachvollziehbar.

Diese sinnbildliche Mystifizierung verfehlt bis heute nicht ihre Wirkung: Wo der Archäologe in einer Jagdszene nur das weltliche äußere Motiv erkennen mag, und auf einen begrabenen Adligen schließt, kommt dem Soziologen beim Anblick des sogar mit einem Kreuz versehenen Opfertiers, welches aufgespießt und von Hunden gehetzt wird, unmittelbar die gnadenlose Verfolgung von Bogomilen durch Inquisitoren des katholischen Dominikaner-Ordens mit Nachdruck in den Sinn.

Symbol "Hund mit Fackel" des Dominikaner-Ordens
Symbol "Hund mit Fackel" des Dominikaner-Ordens

Von Papst Gregor IX. mit der Verfolgung von Ketzern und Häretikern beauftragt, waren die Dominikaner im Volksmund auch als domini canes – also „Hunde des Herrn“ – bekannt und gefürchtet: Der Hund mit Fackel und dem Motto „Veritas“, also Wahrheit, ist bis heute ein Symbol dieses Ordens.

Ihnen folgte bald der Franziskaner-Orden, dessen bosnisches Vikariat „systematisch und erfolgreich mit dem apostolischen Werk der Anfechtung des Bogomilentums beginnt, und der Rückführung Bosniens in die katholische Kirche“ 31 wie der Historiker Mandić – selbst  Franziskaner – schreibt.

 Über 500.000 Gläubige der bosnischen Christen wurden bis zum Beginn der 15. Jahrhunderts auf diese Weise missioniert. 32

Doch bei einer „Glaubensbekehrung“ blieb es nicht: Auf abtrünnige, die Bogomilen unterstützende Städte wie Zadar wurden katholische Kreuzfahrer gehetzt. Die Versklavung von Bogomilen war ein über Jahrhunderte von Kirche und Staat sanktioniertes Verbrechen insbesondere an der bogomilischen Bevölkerung Bosniens und brachte Furcht und Leid über zahllose Familien.

Zeugnisse der Verfolgung auf stećci im Umfeld bogomilischer Gemeinden

Der Kontext der Verfolgung, in dem viele stećci entstanden sein müssen, lässt sich durch einen geografische Übersicht verdeutlichen: Der Historiker Mandić hat in seinem umfangreichen Werk zahlreiche Gemeinden der Bogomilen aufgeführt. In kirchengeschichtlichen Quellen sind zudem Klöster der Franziskaner im mittelalterlichen Bosnien gut belegt: Gemäß ihres päpstlichen Auftrags gründeten katholische Missionare und Inquisitoren ihre Klöster und Kirchen häufig nahe bogomilischer Gemeinden. Und auf den stećci der Gräberfelder in der Nähe dieser Orte sind tatsächlich bis heute Motive zu finden, die deutlich auf Verfolgung hinweisen. Einige Beispiele dafür …

Moištra bei Visoko nordöstlich von Sarajevo

Von Hunden verfolgtes Wildtier mit Kreuz, von einem Jäger mit dem Speer durchbohrt – auf einem stečak in Donja Zgošča, Kakanj bei Visoko
Von Hunden verfolgtes Wildtier mit Kreuz, von einem Jäger mit dem Speer durchbohrt – auf einem stečak in Donja Zgošča, Kakanj bei Visoko

Im 14. Jahrhundert Hauptsitz des bosnischen ban – also Königs: „Hier wurden Staatsversammlungen abgehalten … und alle zentralen Entscheidungen des Staates getroffen.“ 33 Hier befand sich auch das Zentrum der bosnischen Christen, ihres djed. Stecći mit dem apostolischen Stab bezeugen dies. 34 Die Franziskaner begannen ihre Aktivitäten unmittelbar am königlichen Hofe: Im Jahr 1339 wurde das bosnische Vikariat errichtet, ein Jahr später das erste bosnische Kloster bei Visoko eröffnet. 35

Babun und Umgebung bei Mostar

Ein einzelner Hirsch wird mit Bogen und Hund gejagt, ein Reiter mit Lanze tötet ihn - stečak in Hamzići, Mostar
Ein einzelner Hirsch wird mit Bogen und Hund gejagt, ein Reiter mit Lanze tötet ihn - stečak in Hamzići, Mostar

Der heute verlassene Ort Babun „musste seinen Namen von den bosnischen Christen haben, die hier ihr Gemeindehaus hatten, und die im Mittelalter … ‚Babunen‘ genannt wurden.“ 36 Auch im nahegelegenen Podjelinak und Ledinac37 bestanden Gemeinden der Bogomilen.

Die Franziskaner waren von Mostar, Imotski und Ljubuški aus aktiv. 38

Eine Gruppe von Hirschen und Rehen tritt Jägern mit Pfeil und Bogen entgegen - stečak in Žitomislići, Mostar
Eine Gruppe von Hirschen und Rehen tritt Jägern mit Pfeil und Bogen entgegen - stečak in Žitomislići, Mostar

Konavlje-Tal zwischen Dubrovnik und Herceg Novi

Hirsch mit mächtigem Geweih und ein ihn angreifender Jäger in Trsteno, bei Dubrovnik
Hirsch mit mächtigem Geweih und ein ihn angreifender Jäger in Trsteno, bei Dubrovnik
Bezwungener Hirsch mit Reiter in Trebinje, Herceg Novi
Bezwungener Hirsch mit Reiter in Trebinje, Herceg Novi

Vom Ende des 14. Jahrhunderts an gehörte diese Gegend „großen bosnischen Magnaten-Familien, deren Mitglieder eifrige Gläubige der bosnischen Christen waren …“ 39

Daher wurden nach der Vertreibung der Bogomilen im Jahr 1459 durch König Tomaš ihre Gemeinden in Uskoplje40 und Dračevici sehr wahrscheinlich zu Zufluchten, wo „sich die letzten Christen des freien Bosnien-Herzegowina sammelten“41

Die Franziskaner, schon seit 1317 in Dubrovnik etabliert, gründeten Klöster auch im Konavlje-Tal und in Herceg Novi. 42

Gräberfelder bogomilischer Vlachen

Häufig wird heute in Kroatien das Argument vorgebracht, dass die stećci nicht von Bogomilen, sondern von Vlachen errichtet wurden. Diese seinen orthodoxen Glaubens gewesen, von daher könne ein „ketzerischer“ Ursprung dieser Grabmale ausgeschlossen werden. Doch diese Darstellung lässt die Sozialgeschichte der Vlachen außer Acht, die gerade wegen ihres bogomilischen Glaubens zahlreich aus Serbien in die Berge und abgelegenen Regionen Bosniens vertrieben wurden. Ob die Fülle an stećci bei Imotski, Dugo Polje oder die bekannte Nekropole von Radimlja bei Stolac: Auch hier ist die Symbolik verfolgter Bogomilen unübersehbar.

Stećci - Mahnmale der Bogomilen

Als Fenster in eine vergangene Epoche geben die stećci nicht nur Einblick in die vielfältigen Lebens- und Glaubenswelten im Bosnien des Mittelalters – und das über Jahrhunderte. Darüber hinaus sind stećci in den Landstrichen, die einst Heimat von Bogomilen waren, Stein gewordene, stumme Mahnmale: Sie zeugen bis heute letztlich von einer Jahrhunderte währenden, unnachgiebigen Ausgrenzung und brutalen Verfolgung Andersgläubiger durch Päpste und Könige.

Der berühmte jugoslawische Dichter Mehmedalija „Mak“ Dizdar, 1917 in Stolac geboren, beschrieb das Erbe der stećci mit folgendem Vers:

„Der stečak ist für mich das, was er für andere nicht ist, das was andere auf ihm und in ihm weder einräumen noch zu sehen vermochten. Er ist Stein, doch ist auch Wort, er ist Erde, doch ist auch Himmel, er ist Materie, doch ist auch Geist, er ist Schrei, doch ist auch Lied, er ist Tod, doch ist auch Leben, er ist Vergangenheit, doch ist auch Zukunft.“ 43

Quellen / vrela / viri / izvori:

  1. Rudolf Kutzli, Die Bogumilen: Geschichte Kunst Kultur, Urachhaus, Stuttgart, 1977 - S. 16 f.
  2. Oto Bihalji-Merin, Alojz Benac, Steine der Bogomilen, Jugoslavija, Belgrad, 1964 - S. XIX
  3. Kutzli - S. 16
  4. Kutzli - S. 16
  5. Katja Papasov, Christen oder Ketzer – die Bogomilen, Ogham, Stuttgart, 1983 - S. 154
  6. Dominik Mandić, Bosna i Hercegovina, Svezak II, Ziral, Chicago, 1979 - S. 122
  7. Dubravko Lovrenović, Stećci, Rabic, Sarajevo, 2010 - S. 41 f.
  8. Lovrenović - S. 218
  9. Georg Wild, Symbol und Dogma im Bogumilentum, in: Saeculum XXI, Heft 4, Alber, München, 1970 - S. 387
  10. Georg Wild, Bogumilen und Katharer in ihrer Symbolik, Teil 1, Franz Steiner, Wiesbaden, 1970 - S. 8 f.
  11. Marian Wenzel, Ukrasni motivi na stećcima, Ornamental motifs on tombstones from medieval Bosnia and surrounding regions, Maleša, Sarajevo, 1965 - S. 14
  12. Bihalji-Merin, Benac - S. XXXI
  13. Wenzel - S. 14
  14. Übersetzung aus: Wenzel - S. 15
  15. Übersetzung aus: Wenzel - S. 13 f.
  16. Alexander V. Soloviev, Bogomilentum und Bogomilengräber in den südslawischen Ländern, in: Völker und Kulturen Südosteuropas, Südosteuropa, München, 1959 - S. 187
  17. Bihalji-Merin, Benac - S. VII f., S. XIII
  18. Gorčin Dizdar, Ororots - Stećci iz Armenije, Fondacija Mak Dizdar, Sarajevo, 2013 - via makdizdar.ba
  19. Soloviev - S. 197
  20. Übersetzung aus: Muhamed Filipović, Historija Bosanske Duhovnosti, Svjetlost, Sarajevo, 2006 - S. 260
  21. Übersetzung aus: Filipović - S. 273
  22. Wild - S. 391
  23. Wild - S. 391
  24. Wild - S. 391
  25. Übersetzung aus: Ivan Mužić, Vlasi i starobalkanska pretkršćanska simbolika jelena na stećcima, in: Starohrvatska prosvjeta, III. serija, svezak 30/2009, Hrvatsko starinarsko društvo, Zagreb, 2009 - S. 328
  26. Soloviev - S. 193
  27. Soloviev - S. 194
  28. Kutzli - S. 19
  29. Wild - S. 391 f.
  30. Die Bibel in der Einheitsübersetzung von 1980, Universität Innsbruck - Lk 19,37-40
  31. Übersetzung aus: Dominik Mandić, Bosna i Hercegovina – Svezak II, Ziral, Chicago, 1979 - S. 473
  32. Mandić  - S. 477
  33. Mandić  - S. 481
  34. Mandić  - S. 365
  35. Mandić  - S. 482
  36. Mandić - S. 381 ff.
  37. Mandić - S. 381 ff.
  38. Mandić - S. 478
  39. Mandić  - S. 385
  40. Mandić  - S. 371
  41. Mandić  - S. 385
  42. Mandić  - S. 478
  43. Übersetzung aus: Natpisi na stećcima - via prometej.ba

Bildquellen / vrela slika / viri slik / izvori slika:

  • Stecci: © die-bogomilen.de
  • Stečak mit Siegeskranz-Symbol in Radimlja, Stolac: Stecak iz Radimlje, Public Domain, via Wikipedia
  • Stećci bei Bileća, Ost-Herzegowina: Ljubiša Aćimović, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
  • Stećci in Voštane bei Split: Akrap, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
  • Stećci der Jezera-Nekropole in Visočica, Bosnien-Herzegowina: Frfincon, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
  • Stećci in Risovac in der Gemeinde Jablanica, Bosnien-Herzegowina: Dino Džino, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
  • Stečak im Dorf Vojkovići nahe Sarajevo: Julian Nyča, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
  • Stećci in Radimlja: Joanne Goldby from Birmingham, UK, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons
  • Stećci in Radimlja: Litany, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
  • Stećci auf dem Gräberfeld von Radimlja bei Stolac: © die-bogomilen.de
  • Ausdehnung des Königreichs Bosnien vom 12.-14. Jahrhundert: Lokalisierte Fassung von Optimus Pryme, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
  • Stecak-Motiv Kolotanz: © die-bogomilen.de
  • Stecak-Motiv Kreuz mit Trauben: © die-bogomilen.de
  • Stecak-Motiv Vögel: © die-bogomilen.de
  • Stecak-Motiv Ornamente: © die-bogomilen.de
  • Darstellung von Mensch und Tieren auf einem Grabstein in Noratus, Armenien: Serein, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
  • Mit stilisierten Darstellungen von Tieren dekorierter Grabstein in Vorotnavank, Armenien: Gorčin Dizdar, via makdizdar.ba
  • Stečak in Brotnice bei Dubrovnik: © die-bogomilen.de
  • Stečak in Hodovo bei Stolac: © die-bogomilen.de
  • Hirsch-Motiv mit ausgeprägtem Geweih auf einem stečak in Čengić Bara bei Kladovo Polje, Ulog: © die-bogomilen.de
  • Ausgewählte Kreuzsymbole auf stećci: ein einfaches Kreuz ohne Korpus in Čerin, Mostar – ein stilisiertes Lichtkreuz mit Vögeln und Halbmonden in Bijela Rudina, Bileća – ein anthropomorphes Kreuz in Milavići, Stolac: © die-bogomilen.de
  • Jagdszene mit verfolgtem Hirsch auf einem stečak in Čerin, Mostar: © die-bogomilen.de
  • Symbol „Hund mit Fackel“ des Dominikaner-Ordens: Lawrence OP, via Flickr
  • Von Hunden verfolgtes Wildtier mit Kreuz, von einem Jäger mit dem Speer durchbohrt – auf einem stečak in Donja Zgošča, Kakanj bei Visoko: © die-bogomilen.de
  • Ein einzelner Hirsch wird mit Bogen und Hund gejagt, ein Reiter mit Lanze tötet ihn – stečak in Hamzići, Mostar: © die-bogomilen.de
  • Eine Gruppe von Hirschen und Rehen tritt Jägern mit Pfeil und Bogen entgegen – stečak in Žitomislići, Mostar: © die-bogomilen.de
  • Hirsch mit mächtigem Geweih und ein ihn angreifender Jäger in Trsteno, bei Dubrovnik: © die-bogomilen.de
  • Bezwungener Hirsch mit Reiter in Trebinje, Herceg Novi: © die-bogomilen.de