Tag 9: Am Oberlauf der Neretva

Auf den Spuren der Bogomilen durch Bosnien und die Herzegowina: Im Juni 2022 machten wir uns auf dem Weg, und bereisten zwei Wochen lang die Region. Dieser Reisebericht erzählt von den zahlreichen Etappen auf unserem Weg, den Sehenswürdigkeiten, Erlebnissen und Begegnungen mit vielen hilfsbereiten Menschen vor Ort, die uns oft gerne das Land und seine Geschichte näher brachten.

Heute teilen wir uns wieder auf und für uns, die Gruppe im Tal, sieht es nach einem etwas ruhigeren Tag aus. Zuerst geht es an die Neretva, die hier noch ein zwischen steilen Berghängen dahineilender Gebirgsfluss ist. Das kristallklare Wasser lädt zum Verweilen auf den Sandbänken ein. Doch hier will nun jede Etappe bedacht und geplant sein – an den Hängen und Graten hier verlief die verminte Front, und die unwegsamen Wälder sind bis heute nicht sicher zu betreten. Wir halten uns also an befahrene Straßen und Wege.

Die Sonne steht nach dem üppigen Frühstück schon hoch, und so geht es gleich weiter auf die andere Seite des Flusses zum grčko groblje, dem alten „griechischen Friedhof“ von Biskup. Hier freilich ist klar, dass keine griechischen Einwanderer waren, die diese Stätte anlegten, sondern Angehörige der Familie Sanković, die über mehr als ein Jahrhundert hier bestattet wurden.

Welchen Glauben sie pflegten, und ob sie die Tradition der Gedenksteine der Bogomilen aus Überzeugung oder aus anderen Gründen übernahmen, wird wohl nicht mehr zu klären sein. Die Stimmung des Ortes, mitten in einem lichtdurchfluteten Laubwald hat jedenfalls etwas von einem heiligen Hain an sich. Das nach Jahrhunderten zählende Alter der stećci hier wird deutlich, wenn man einen der Bäume betrachtet, der einen stečak mit seinem Stamm schon halb überwachsen hat.

Unsere nächste Station ist eine alte Mühle, versteckt in einem engen Seitental nur wenig weiter den Fluss entlang. Nach etwas vorsichtiger Suche – schließlich ist es hier weiterhin nicht ratsam, sich abseits befahrener Wege zu begeben – gelangen wir zu einem idyllischen Flecken mitten im Wald. Und kaum sind wir aus dem Auto ausgestiegen, geht auch schon die Tür und ein grauhaariger, freundlich dreinblickender Mann begrüßt uns: „Darf es was zu trinken sein?“

Und so kommen wir bei 35 Grad im Schatten, Zitronenlimonade und etlichen Tassen frisch aufgebrühten bosnischen Kaffees ins Gespräch über Land und Leute: „Früher, vor dem Krieg, war das Leben hier völlig anders. Man half sich gegenseitig aus, wenn Not war. Dort drüben hinter diesen Bergen zum Beispiel, in Richtung Nevesinje, lebte eine serbische Familie. In einem Winter, und die können hier richtig hart werden, ging ihnen das Brot aus. Und was machte mein Großvater? Er ging mit einem unserer Esel und ein paar Säcken Mehl vorbei. Sogar ihre Enkel erzählten später noch diese Geschichte und waren uns dankbar. So half man sich immer wieder gegenseitig, egal ob Moslem, Kroate oder Serbe.“

„Aber heute gibt es das nicht mehr. Ich habe den Krieg in Sarajevo überlebt, die furchtbaren Dinge, die ich da gesehen habe, die Scharfschützen und die vielen Toten, das kann ich euch gar nicht erzählen. Auch unsere alte Getreidemühle hier, da haben sie irgendwann ein paar Granaten hineingejagt …“

„Und nach dem Krieg war es ja nicht zu Ende. Die Wälder ringsherum waren voller versteckter Ladungen, und später zündete jemand nachts den Hang dort drüben an. Zuerst der Waldbrand, und dann mittendrin diese heftigen Explosionen von Minen … richtig schlimm war das. Hier hinter dem Haus hab ich die Minen zum Teil auch selbst weggeräumt.“ 

Trotz der vielen furchtbaren Kriegserlebnisse klingt unser Gastgeber eher resigniert und erschöpft als hasserfüllt. Nach zwei Stunden verabschieden wir uns, nachdenklich und etwas bedrückt – auch nach so langer Zeit entkommt man hier der Vergangenheit nicht wirklich.

Wir fahren entlang der Neretva in Richtung Konjic – vorbei am wunderschönen Bergsee Boračko jezero, wo die unbeschwerte Badesaison schon in vollem Gange ist.

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