Tag 3: Kupres – das Wilde Bosnien und die ersten stećci

Auf den Spuren der Bogomilen durch Bosnien und die Herzegowina: Im Juni 2022 machten wir uns auf dem Weg, und bereisten zwei Wochen lang die Region. Dieser Reisebericht erzählt von den zahlreichen Etappen auf unserem Weg, den Sehenswürdigkeiten, Erlebnissen und Begegnungen mit vielen hilfsbereiten Menschen vor Ort, die uns oft gerne das Land und seine Geschichte näher brachten.

Kirchen und Steine in Otinovci

Frisch ausgeruht geht es am nächsten, kühlen und windigen Morgen hinein ins Hochtal von Kupres. Auf der Fahrt zum Nachbarort Otinovci fragen wir eine Frau nach dem Weg, die in aller Frühe schon ihre Hecke mit einer großen Gartenschere bearbeitet: „Sie meinen den alten Friedhof? Der ist weiter oben am Berg, früher ließen und die Türken ja unsere Toten nicht im Tal begraben. Aber gleich da vorne, sehen Sie, da ist der neue Friedhof. Das Land hat mein Verwandter gestiftet – jetzt können wir bequem mit dem Auto hinfahren.“ Nachdem geklärt ist, dass es sich um katholische Friedhöfe handelt, verabschieden wir uns und suchen weiter.

Das Ziel ist dann tatsächlich schnell gefunden – doch neben den Grundmauern der alten Kirche erhebt sich nur die neugebaute, von stećci keine Spur. Ein alter Mann mäht mit seiner Sense den Rasen davor. Wir sprechen ihn an: Ob er etwas von stećci hier im Ort wisse? Und tatsächlich, er ist sehr hilfsbereit und freundlich, begleitet uns zur ersten Stätte crveno groblje. „Vor einigen Jahren war schon mal eine Frau hier, die die Steine auch sehen wollte – die hab ich auch hingeführt! Sie wollte später wiederkommen und alles filmen, aber irgendwie ist sie nicht mehr aufgetaucht …“

Auf der Suche nach den stecci von crveno groblje bei Kupres
Auf der Suche nach den stecci von crveno groblje bei Kupres
Schon nach 2 km auf der Landstraße heißt es „Stop!“ – und auf einem kleinen Hügel stehen wir nun vor unseren ersten stećci. Halb im hohen Gras und in der Erde versunken, sind sie auf den ersten Blick nur schwer von den Findlingen in der Gegen zu unterscheiden, so stark hat ihnen die jahrhundertelange Verwitterung zugesetzt, und besonders die kalten und schneereichen Winter hin oben. Hoffentlich finden noch besser erhaltene Stätten. Wir fahren unseren „tour guide“ zurück zu seinem Haus und verabschieden uns – „vielleicht bis zum nächsten mal!“

Ein Meer aus Blumen im Hochland bei Kupres

Weiter geht es nun auf der Suche nach der Stätte rastičeva mašeta, die das Fremdenverkehrsamt von Kupres auch als highlight der Gegend empfiehlt. Dank Google Maps sind die Koordinaten schnell gefunden: Doch das Ziel ist nicht unbedingt leicht zugänglich – im Gegenteil. Unser Navi führt uns hinein ins weite Grasland, das letzte Dorf und die Asphaltstraße bleiben hinter uns zurück. 

Eine weite Graslandschaft mit vereinzelten Sträuchern und kleinen Bäumen, und in der Ferne weidenden Rindern umgibt uns. Und immer wieder tauchen verlassene, zerstörte Häuser auf – vergessene und nicht beseitigte Reste des Krieges, der hier in der Idylle einst wütete. Nach einigen Kilometern wird klar: So zuverlässig ist unser elektronischer Wegweiser hier draußen nicht … Umkehren und selbst suchen ist angesagt.

Ein kriegszerstörtes Haus in der weite des Graslands
Ein kriegszerstörtes Haus in der weite des Graslands

Wir fahren zurück auf die Hauptstraße und weiter Richtung Rastičevo. Auf einer Anhöhe steht weithin sichtbar eine kleine Kirche. Auf dem Friedhof davor sind sowohl moderne Marmorgräber als auch Jahrhunderte alte Steinkreuze, wie sie auch die Bogomilen schufen, zu finden. Wie oft kam es wohl vor, dass sich nach der Vertreibung der „guten Christen“ die Romkatholiken alte Stätten aneigneten?

Nun sind wir sicher, auf dem richtigen Weg zu sein: Ein Feldweg zweigt in die sanften Hügel ab, und wir fahren durch Rinderweiden unserem Ziel entgegen. Dutzende neugieriger Augenpaare schauen uns zu, wie wir die Elektrozäune auf- und zumachen, und uns langsam in Richtung der stećci bewegen. Nach ein paar hundert Metern wird klar: Hier geht es nur noch zu Fuß weiter.

Mithilfe der offiziellen Minenwarn-App des Bosnischen Innenministeriums hatten wir vorab schon sichergestellt, dass in der Gegend keine Gefahr besteht – eine ungewohnte, aber abseits aufgetretener Touristenpfade hier unbedingt empfehlenswerte Maßnahme. Doch inzwischen gleich ein Grashügel dem anderen, und auch das GPS-Signal auf dem Smartphone stellt sich als nicht wirklich genau dar.

So machen wir uns hoffnungsvoll auf dem Weg ins Grasland und sind ein wenig froh, dass sich die große Rinderherde am Horizont gerade für eine andere Marschrichtung entschieden hat. Wir folgen der ungefähren Peilung von Google Maps, die uns von der Straße auf einen Feldweg, dann auf einen Trampelpfad und schließlich auf weglose Wiesen führt.

Das blühende Hochland bei Kupres
Das blühende Hochland bei Kupres

Inzwischen umgibt uns ein wunderschönes Blumenmeer in leuchtenden Farben. Hunderte von Schmetterlingen, Hummeln und Wildbienen schwirren umher, und sogar eine Lerche ist zu hören. Soviel intakte Natur ist der deutsche Wanderer kaum noch gewohnt – wir genießen es daher umso mehr. 

Nach dem kurzen Aufstieg auf einen Hügel liegen sie endlich in der Ferne vor uns: Die stećci von Rastičeva Mašeta. Leuchtend weiß in der grellen Mittagssonne, umgeben von einem im immer stärker werdenden Wind wogenden Grasmeer. In der Ruhe und Weite wird die tiefe Verbindung von Himmel, Erde und den im Geist erwachten Menschen, die hier ihre steinernen Erinnerungsmale errichtet haben, spürbar. Diese Stätten waren wohl keineswegs nur die „Nekropolen der Bogomilen“, wie es heute heißt. Dies wird gerade an diesem Ort besonders deutlich.

Wir nähern uns und nehmen die Steine einen nach dem anderen in Augenschein, über 240 sollen es sein. Viele sind rauh, verwittert, verblasst. Manche ähneln kleinen Häuschen, viele sind einfache Quader. Ein großes, kunstvoll mit einer stilisierten Lilie und einem Lichtkreuz verziertes Exemplar liegt umgeworfen auf der Seite, es sind noch Holzkeile daneben zu finden. Ob das Loch darunter von einem Fuchs, einem Raubgräber oder von Marodeuren stammt, die die Steine ihrer Würde berauben wollten, lässt sich nicht mehr feststellen. Um so einen viele Tonnen schweren Stein überhaupt zu bewegen, bedarf es jedenfalls eines erheblichen Aufwands.

Ein stecak mit einem großen Arm, Kreuzen und den Symbolen von Sonne und Mond
Ein stecak mit einem großen Arm, Kreuzen und den Symbolen von Sonne und Mond

Uns fasziniert aber vor allem einer der Steine: eine etwa 2×3 m große, 40 cm hohe Platte, die mit deutlich erhabenen Reliefs verziert ist. An einer Längsseite findet sich ein überdimensionaler Arm mit offener Handfläche, auf der Oberseite zwei Kreuze mit gleichlangen Armen sowie Sonnen, Mond und Stern. Mit einem „Grabstein“ hat das für uns wirklich keine Ähnlichkeit. Vielmehr erinnert es an einen Gabentisch …

Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie hier eine bogomilische Gemeinschaft „po staroj vjeri“, also nach „altem Glauben“, sich nach getaner Arbeit unter freiem, weiten Himmel zusammenfand, um sich gegenseitig das Gute und weniger Gute der vergangenen Woche zu erzählen, um dann in innerer Gemeinschaft und Verbundenheit zu Gott zu beten – in Einheit mit Pflanzen, Tieren und der friedlichen Weite der sanften, weiten Wiesen, Hügel und mächtigen Bergketten, die Lebensraum und Schutz zugleich boten.

Das Wilde Bosnien bei Ravno

Es fällt uns schwer, die Stätte wieder zu verlassen. Doch unsere nächste Station wartet! Durch die grüne Weite geht es zurück zum Auto und dann zurück nach Kupres. Dort allerdings verläuft die Suche nach einem Restaurant – oder zumindest einer Bäckerei – fürs Mittagessen vergeblich. „Nach dem Krieg gingen hier fast alle Lokale pleite.“ Erfahren wir. So decken wir uns im einzigen Supermarkt der Ortes ein und fahren auf der Landstraße durch das imposante Hochtal kupreško polje in Richtung Ravno, wo sich eine weitere Gruppe sehr gut erhaltener stećci befinden soll.

Zwischendurch machen wir noch spontan Rast unter einem alten Kastanienbaum – ein schattiges Plätzchen ist hier nicht so leicht zu finden. Und – Überraschung! – hinter der Sitzbank liegt halbversteckt unter einem Busch ein weiterer stečak. Während wir uns stärken hält ein schwarzer Audi A7 und fährt auf die Wiese vor uns. Eine Frau steigt aus und spaziert zielstrebig ins Grün: Kurze Zeit später sehen wir fleißig Kräuter sammeln – offenbar eine ganz alltägliche Sache hier oben.

Je näher wir dann Ravno kommen, desto mehr wandelt sich die Landschaft: Aus den sanften, grünen Hügelwellen werden felsige Kuppen, aus den kleinen Tälern steinige Senken – die für den bergigen Teil der Herzegowina typischen Karstdolinen. Die Bäume weichen niedrigen Büschen, und auch das Gras ist zunehmen trocken. Dann führt uns das Navi ab vom Asphalt: Nur noch fünf Kilometer, allerdings auf einer „unbefestigten Straße“, wie man auf Amtsdeutsch so schön sagt. In Bosnien nennt sich diese Sorte Verkehrsweg makadam und entpuppt sich schnell als breite, staubige Schotterpiste, die mit kleinen, mittelgroßen, größeren und sehr großen Schlaglöchern nur so übersäht ist. Wer hier keinen Jeep mit Luftfederung und Allrad mitgebracht hat, kommt nur noch mit Schrittgeschwindigkeit voran.

Und so schaukeln wir langsam durch eine weite, trockene Gebirgssteppe. Lange Reihen von Strommasten führen zu ein paar wenigen verstreuten Siedlungen. Hie und da ein kleines Feld, ein paar freilaufende Hühner gackern beim Vorbeifahren, ein alter Traktor knattert vor sich hin.

Inmitten Stille – Botschaften einer anderen Zeit

Ansonsten viel Stille, und hier ist es eine bedrückende: Gefühlt jedes zweite Haus ist ein leere Gerippe, halbeingestürzte Fenster, Mauern mit Einschusslöchern, brandgeschwärztes, halbbewachsenes Gebälk … Hier wütete ab 1992 der Bosnienkrieg mit seiner hässlichsten Fratze: der nationalistische Dämon von Angriff, Gegenangriff und ethnischer Säuberung drang bis in den letzten Weiler vor und hielt reiche Ernte, Vertreibung und Mord zerrissen in blindem, blutigen Fanatismus ganze Dorfgemeinschaften, Nachbarschaften, Freundschaften. Bis heute wagen sich hier die meisten Vertriebenen nicht zurück, und so stehen ihre einstigen Häuser bis heute als Fanale in der Landschaft, unberührt und wohl auch ungesühnt.
Stilisierte, entfernt anthropomorphe Lilie auf einem stecak bei Ravno
Stilisierte, entfernt anthropomorphe Lilie auf einem stecak bei Ravno
Endlich erreichen wir, nach einem muslimischen, einem orthodoxen und neben einem katholischen Friedhof gelegen, die gesuchte Stätte der stećci in dieser Gegend: ravanjska vrata, die „Türe von Ravno“. Und tatsächlich sind die Steine gut erhalten. Die Motive zeugen von einer ganz anderen Epoche: Der Lebensbaum, eine Hand als Beschützer des Kreuzes, die Darstellung eines Friedensstifters … Welche Geschichten genau sich hinter dieser Bildwelt verbergen, können wir hier nur erahnen. Und doch berührt uns dieser Anblick der mächtigen, steinernen Zeugen einer reichen und komplexen Kultur, die vor Jahrhunderten in dieser Region blühte.

Die Spur von Kapital und Kirche

Doch heute hat das internationale Kapital diese Gegend entdeckt und sein tierverachtendes Werk begonnen: Die kilometerlangen Stromleitungen führen zu einem überdimensionalen Stallgebäude. Hunderte dunkelbrauner Rinder weiden hier umzäunt auf dem Hochland, drängen sich an einer schlammigen Wasserstelle, überwintern wohl in diese Massenzuchtanlage bis zur Schlachtreife. Ein großer Geländewagen hält an – der örtliche Farmer führt einige Gäste auf die Weiden. Ob sie wohl ihre zukünftigen Steaks „in natura“ besichtigen? Gerüchteweise geht jedenfalls das beste Fleisch der Gegend in den Export nach Arabien.

Da inzwischen die Sonne schon tief am Himmel steht, machen wir uns auf den Weg Richtung Travnik, das unser Ziel für den Abend ist. Kilometer um Kilometer auf dem makadam fahren wir durch ausgedehnte, dichte Fichtenwälder, passieren einen Bergsee, verlassene Lichtungen, und schließlich weitere Rinderfarmen. Kurz vor der Straße zurück nach Kupres steht eine halbverlassene Tiermastfabrik, die halbverblichenen Schildern zufolge vor Jahrzehnten von der UNO-Mission als Stützpunkt genutzt wurde. Heute verfallen hier die meisten Gebäude ungenutzt.

Wir werfen einen letzten Blick auf die gewaltige Kirche von Kupres, und verlassen das Tal über die Passstraße. 

Travnik, die Stadt der Minarette

Durch weite, bewaldete Berghänge geht es in Richtung der ehemaligen Hauptstadt des osmanischen Vilâyets Bosnien. Bis heute ist Travnik stark muslimisch geprägt. Der kulturelle Bruch zum katholischen Kupres könnte größer kaum sein: Eine Vielzahl von Minaretten macht klar, wer hier in der Stadt in der Mehrheit ist. Auch eine große medresa zur Ausbildung islamischer Geistlicher ist hier beheimatet. Doch von den früher gut 35.000 Einwohnern sind heute nur noch 20.000 geblieben, mangelnde Perspektiven drängen viele junge Menschen zur Auswanderung.

Blick auf Travnik
Blick auf Travnik
Unser Privatzimmer nahe des Travnik Kalesi, der alten Burg, finden wir mit Hilfe eines freundlichen Hotelrezeptionisten und eines kleinen Mädchens, das mit seinen Freundinnen auf der Straße spielt: „Ich hole schnell meine Mama, die wartet schon auf euch!“ Und so fallen wir, nach einem kleinen Abendessen mit Blick auf die beeindruckenden Burgbefestigungen, zügig in den wohlverdienten Schlaf.

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