Tag 8: Rund um die Visočica

Auf den Spuren der Bogomilen durch Bosnien und die Herzegowina: Im Juni 2022 machten wir uns auf dem Weg, und bereisten zwei Wochen lang die Region. Dieser Reisebericht erzählt von den zahlreichen Etappen auf unserem Weg, den Sehenswürdigkeiten, Erlebnissen und Begegnungen mit vielen hilfsbereiten Menschen vor Ort, die uns oft gerne das Land und seine Geschichte näher brachten.

„Entschuldigung, was ist denn ein vegetaryanisches Frühstück?“ wollte der Vermieter unseres schmucken Ferienhauses im Bergdorf Umoljani vorab gern wissen. „Einfach ohne Fleisch und Fisch …“ – „Alles klar, kein Problem!“ Und tatsächlich erwarten uns am Morgen ein großer Haufen warmer, salziger Krapfen mit Frischkäse, ustipci genannt, mit einer Platte mit frischem Gartengemüse. Als Abschluss ein starker bosnischer Kaffee im Kupferbecher, und schon sind wir startbereit.
Stećci nahe des Bergdorfs Umoljani
Stećci nahe des Bergdorfs Umoljani
Unserem Kollegen aus Kroatien gelingt es tatsächlich spontan, ein Quad zu organisieren. Denn so viel ist klar: Nach Lukomir, dem „ursprünglichsten Dorf Bosniens“, kommt man mit den Auto nicht wirklich. Halbmetergroße Schlaglöcher auf der 20 Kilometer langen, mit Felsbrocken übersäten makadam-Piste schrecken jeden durchschnittlichen europäischen Fahrer ab. (Die einheimischen Fahrer mit ihren 30 Jahre alten Golf II-Oldtimern ohne Nummernschilder natürlich nicht.) So teilen wir uns in zwei Gruppen: Richtung Lukomir mit dem Quad und zu den stećci auf der Visočica mit dem Auto. Am Abend wollen wir uns im Bergland am Oberlauf der Neretva wieder treffen.
Ein traditioneller Kolotanz - oder ein Reigen in die jenseitige, ewige Heimat?
Ein traditioneller Kolotanz - oder ein Reigen in die jenseitige, ewige Heimat?

Wilde Begegnungen im Hochgebirge

Der Weg Richtung Visočica ist zum Glück ohne Überraschungen, direkt am Wegesrand erwartet uns auf etwa 1.500 m Höhe die erste wunderbare Stätte mit stećci. Doch wir beschließen, sie später zu untersuchen, und so beginnen wir direkt den Aufstieg ins hochalpine Gelände.

Dort soll laut einem obskuren Hinweis auf Google Maps inmitten der Bergwiesen eine eindrucksvolle Stätte mit Gedenksteinen zu finden sein. Schon von weitem sehen wir auf der ersten grünen Hochweide Pferde grasen. Von Zäunen keine Spur – es müssen also Wildpferde sein! Bald gesellen sich ein paar Kühe dazu, doch den beiden Hengsten der Dreigruppe passt das gar nicht. Sie umkreisen die gemütlich umhertrottenden Besucher und scheuchen sie so auf die Nachbarweide.

Inzwischen sind auch wir näher gekommen und halten inne für ein paar Filmaufnahmen dieses in Europa sehr seltenen Anblicks. Doch auch unsere Kamera scheint es den Wildpferden angetan zu haben: Aus einigen 100 Metern Entfernung schauen sie zuerst neugierig zu, beschließen aber schnell, dass wir zur Frühstückszeit hier nicht verloren haben: In vollem Galopp sprengen die beiden Hengste auf uns zu … Haben sie etwa vor, uns über den Haufen zu rennen? Doch kurz vor knapp halten sie mit wehender Mähne an – und posieren tatsächlich wie Profis für die Kamera.

Begegnung zwischen Wildpferd und Kamera an der Visočica
Begegnung zwischen Wildpferd und Kamera an der Visočica

Wie scherzen, dass wohl die stećci hier oben ihre eigenen Wächter haben, und machen uns an den Aufstieg ins Hochgebirge. Wir folgen dem schwachen GPS-Signal und versuchen, ungefähr die Richtung zu halten. Ein schmaler Trampelpfad windet sich durch die felsige, kahle Karstlandschaft nach oben. „Hinter der nächsten Hügelkuppe müssten sie aber zu sehen sein!“

Aber Fehlanzeige … Wir beobachten das Wetter genau, denn ein überraschendes Gewitter – in die sind heute im Lauf des Tages angesagt – kann ihr oben schnell sehr ungemütliche Folgen haben. Doch der hiesige Berggeist ist uns wohlgesonnen, und so wechseln sich leichte Wolken und Sommersonne ab. Nur der Wind wir immer heftiger, je höher wir steigen. Allerdings wachsen mit jedem Meter Aufstieg die Zweifel: Werden wir die überhaupt finden können? Noch einen Bergkamm weiter, noch um die nächste Kehre …

Erst nach zwei Stunden dann der ersehnte Anblick: Von einem Felshügel aus sind unterhalb einer steil aufragenden Gipfelspitze die stećci deutlich zu sehen: eine Ansammlung kalkweißer Quader zwischen wogendem Gras, kleine Häuschen, … Die Ruhe und Erhabenheit dieses Gedenkortes nimmt uns in Beschlag: keine Siedlung, keine Straße, nicht einmal ein Baum weit und breit – nur die Zeugnisse längst vergangener Tage inmitten der Weite.

Ein leises Gewittergrollen am fernen Horizont ermahnt uns schließlich, den Weg zurück anzutreten. Wir begegnen noch einer kleinen Wandergruppe mit zwei einheimischen Bergführern, die auch zügig ins Tal möchten. Die Wildpferde toben inzwischen auf einer der weiter entfernten Wiesen herum, und so gelangen wir ohne weiteres wieder zum Auto. 

Über kleine Asphaltstraßen geht es nun durch kleine Weiler und Dörfer – vorbei an Kühen, die gemütlich und völlig selbständig von ihrer Weide zurück in die tiefer gelegenen Dörfer und ihre Ställe trotten. Je tiefer wir kommen, desto dichter wird der Baumbestand, und schließlich umgibt uns im Tal der Neretva wieder dichter, grüner Bergwald.

Eine junge Kuh läuft abends zurück zu ihrem Stall
Eine junge Kuh läuft abends zurück zu ihrem Stall
Aussicht auf die Wälder des Neretva-Tals
Aussicht auf die Wälder des Neretva-Tals
Noch vor dem einsetzenden Sommerregen erreichen wir unsere Pension am Fluss – wo die Gastwirt-Familie schon mit einer köstlichen veganen Suppe nach Omas Rezept und viel gegrilltem Gemüse mit Ajvar auf uns wartet.

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