Letzter Tag: kulturelle Begegnungen in Stolac

Auf den Spuren der Bogomilen durch Bosnien und die Herzegowina: Im Juni 2022 machten wir uns auf dem Weg, und bereisten zwei Wochen lang die Region. Dieser Reisebericht erzählt von den zahlreichen Etappen auf unserem Weg, den Sehenswürdigkeiten, Erlebnissen und Begegnungen mit vielen hilfsbereiten Menschen vor Ort, die uns oft gerne das Land und seine Geschichte näher brachten.

Am nächsten Morgen serviert uns unser Vermieter mit seiner Freundin fein duftenden Kaffee und ein leckeres Frühstück in der gemütlich hergerichteten bašča – dem schattigen Hausgarten mit Ausblick auf die Stadt.

Er hat noch einen freundlichen Hinweis parat: „Übrigens, der Besitzer vom Laden vor dem euer Auto parkt, sagte mir, es offen ist … Schaut lieber mal nach. Aber Stolac ist eine ruhige Stadt, da wird schon nichts passiert sein.“ Mit Bangen geht es schnell nachsehen … Und tatsächlich: Das Fahrerfenster war die ganze Nacht über herunterlassen! Doch tatsächlich – es fehlt nichts.

Und so bereiten wir uns auf den Ausflug zu einer der landesweit bekanntesten Stätten mit stećci vor: nach Radimlja, kurz vor der Stadtgrenze gelegen. Bei angesagten 40 Grad dürfen viel Wasser, Sonnencreme, sowie Hut und ein langärmliges Hemd als Sonnenschutz nicht fehlen. Bei der Anfahrt geht es mitten durch die Gedenksteine, denn die jugoslawische Straßenbaubehörde verkannte vor einigen Jahrzehnten dieses Kulturerbe derart, dass ohne Rücksicht auf Verlust eine zweispurige Straße mitten hindurch geteert wurde.
Heute hat sich das Bewusstsein zum Glück gewandelt: „Weil in den letzten zwei Jahren wegen Corona der Grenzen oft geschlossen waren und kaum Touristen kamen, haben wir die Zeit genutzt und die Anlage hier richtig schön gemacht.“ erklärt uns der freundliche junge Mann am Ticketverkauf. Und dank der atemberaubenden Hitze haben wir die beeindruckenden Monumente auch noch für uns.
Fürs Mittagessen holen wir uns in der nahe gelegenen Bäckerei – sie heißt tatsächlich pekarna stećak – eine köstliche zavijača mit Kartoffeln, setzen uns in der Innenstadt an einen der schattigen Tische unter den Bäumen am Fluss unweit der historischen Brücke inat ćuprija aus osmanischer Zeit. Wir bestellen uns eine hausgemachte Zitronenlimonade und kühlen uns ein wenig ab. Den eigentlich noch geplanten Ausflug hinauf in die ausgedehnten Ruinen des stari grad, der mittelalterlichen Siedlung also, lassen wir wegen der Hitze ausfallen.

Daher geht es direkt zur makova hiža, dem Gedenkhaus des berühmten Dichters Mak Dizdar, der zur Zeit Jugoslawiens etliche Werke rund um die Motive der stećci veröffentliche. Besonders kameni spavac, der steinerne Schläfer, erlangte einen dauerhaften Platz in der bosnischen Literatur. Gorčin Dizdar, einer seiner Nachfahren, führt uns durch das liebevoll renovierte und ausgestaltete Haus samt kleinem Museum und mit Bücherei.

An den Gartenwänden finden sich eindrucksvolle Reliefs, die Motive der stećci zum Leben erwecken, sowie Prints einiger Zeichnungen und Texte des schweizer Kunsthistorikers Rudolfs Kutzli, der in den 1970er Jahren ein Buch zum Thema verfasste: „Die originalen Tuschezeichnungen wurden uns aus seinem Nachlass vermacht, denn wir haben vor einigen Jahren auch die bosnische Übersetzung seines Werks herausgegeben.“ erzählt unser Gastgeber.

Als letzte Etappe für diesen Tag haben wir uns noch Boljuni vorgenommen, eine Stätte im unzugänglichen Bergland zwischen Stolac und Neum. Der Weg dorthin gestaltet sich ein wenig abenteuerlich, denn im Zuge des Neubaus der Schnellstraße an die Küste wurden die alten Wegweiser entfernt … Doch nach einem Umweg ins Karstland über alte Asphaltsträßchen – mit Spuren von Panzerketten aus dem Krieg in den 90er Jahren – gelangen wir schließlich zu einem kleinen Weiler. Vor uns verschwindet noch eine etwa zwei Meter lange, glattschwarze Schlange im Gebüsch, dann machen wir uns zu Fuß auf den Weg …

Auf dieser Nekropole sind 269 stećci erhalten, und das in zwei Gruppen. Einer der aktivsten und besten Steinmetze und Erschaffer von stećci war Meister Grubač, der in der Umgebung von Stolac wirkte – auch in Boljuni. Der bekannte bosnisch-herzegowinische Kulturhistoriker Šefik Beslagić schreibt:

„Diese stećci von Grubač sind aus hartem Kalkstein, von recht großer Dimension, in Form recht hoher Quader und Giebelhäuschen, mit vorsichtiger Bearbeitung. An ihren Seiten zeigen sich recht viele verschiedene Reliefmotive. Hier finden wir verdrehte und anderweitig stilisierte Bänder, gebogene Ranken mit Kleeblättern, Rosetten, Schild und Schwert, Arkaden, Lilien, einen Baum mit Krone, freistehende menschliche Figuren, Darstellungen von Hirsch, Pferd, Löwe und Drache, Szenen eine Kolo-Tanzes und der Jagd … Auf der Nekropole von Boljuni habe ich eine sehr interessante und ungewöhnliche Szene eines Kolo-Tanzes gefunden, an dem sechs Frauen und ein Mann auf einem Hirschen als Tanzführer teilnehmen. Der Tanzführer hält sich mit einer Hand am Geweih des Hirschen fest …“

Tatsächlich nimmt uns die entrückte Atmosphäre dieser Stätte bis zum Sonnenuntergang gefangen. Zwischen uralten Eichen und weiten Karstbergen öffnet sich hier ein Fenster in eine vergangene, reiche Kultur – deren stumme, mystisch anmutenden steinernen Zeugnisse bis heute viele Rätsel aufgeben und zum Nachdenken anregen.
Im Inneren reich beschenkt, machen wir uns schließlich auf die Reise in Richtung Dalmatien, an die Küste der Adria. Von dort, übers Meer aus dem fernen Rom, kamen vor Jahrhunderten die Vertreter jener Kultreligion, die die friedliebende Kultur Bosniens und der Bogomilen unentwegt bekämpfte und mit ihren Intrigen in den Untergang zu treiben suchte.
Diese Geschichte nach so langer Zeit endlich aus dem Blickwinkel der Verfolgten zu erzählen und zu dokumentieren, erscheint uns nach dieser eindrucksvollen Reise heute wichtiger denn je.

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