Tag 4: Travnik, der Vlašić und das Tal der stećci

Auf den Spuren der Bogomilen durch Bosnien und die Herzegowina: Im Juni 2022 machten wir uns auf dem Weg, und bereisten zwei Wochen lang die Region. Dieser Reisebericht erzählt von den zahlreichen Etappen auf unserem Weg, den Sehenswürdigkeiten, Erlebnissen und Begegnungen mit vielen hilfsbereiten Menschen vor Ort, die uns oft gerne das Land und seine Geschichte näher brachten.

Panorama von Travnik
Panorama von Travnik

Frühstück in der Stadt der Minarette

Ein Rosenbogen im Restaurant am Fluss

Aufgeweckt vom Ruf des hodža machen wir uns auf zum Frühstück, direkt an der Brücke über die plava voda hinein in die imposante alte Festung von Travnik. Die Speisen sind halal, und Alkohol wird natürlich nicht serviert. Wir genießen die Ruhe und das sanfte Murmeln des Baches weiter unter uns, und stärken uns für die nächste Reiseetappe.

Im Heimatmuseum im Stadtzentrum öffnet uns am Sonntagmorgen ein freundlicher Herr die Türe, nachdem ihn unser Klingeln aus dem Büro gelockt hat. Die bescheidene Ausstellung bietet eine bunte Mischung: Von der regionalen Flora und Fauna – wer weiß schon, dass in der Frühzeit in Griechenland und Rumänien auch Löwen beheimatet waren – über originale römische Plastiken bis hin zur osmanischen Kultur.

Wir wollen hier mehr über die Vlachen erfahren, schließlich erhebt sich das Massiv des Vlašić, der über Jahrhunderte ihr „Hausberg“ in Bosnien war, direkt nebenan. Doch außer einem lokal verlegten Buch über Wanderungen dort gibt es wenig zu erfahren – nur, dass es von den katuni genannten ursprünglichen Siedlungen heute kaum noch welche gibt, und die sind entlegen und schwer zu erreichen. „Aber die Regierung bemüht sich inzwischen, die Lebensbedingungen der Schäfer in den Bergen zu verbessern, damit sich wieder mehr Menschen dort oben ansiedeln.“ sagt der Museumsmitarbeiter fast entschuldigend.

Hinauf auf den Vlašić, den Berg der Vlachen

Daher begeben wir uns auf gut Glück auf die Passstraße hinauf zum Vlašić, der sich mit über 1.900 Metern majestätisch über das sowieso schon bergige Umland erhebt. Die Landschaft wird hochgebirgig und erinnert hier immer mehr ans Alpenland.

Auf dem Hochplateau angekommen, geht es zunächst durch eine Siedlung neu gebauter Ferienhäuser zum zentralen Wanderparkplatz der Gegend. Und – Überraschung! – schon dort erwarten uns zwei alter Häuser, wie sie in den katuni vor Jahrhunderten üblich waren. Die daneben weidenden Kühe lassen sich zum Glück von unserer Neugierde nicht beeindrucken. So können wir zumindest einen kleinen Blick auf die Lebenswelt der Vlachen und Bogomilen im Hochland Bosniens werfen. 

Eine traditionelle katun Hütte auf dem Vlašić
Eine traditionelle katun Hütte auf dem Vlašić
Gerne würde wir die Berge hier weiter erkunden, doch ohne einen Geländewagen mit Allradantrieb ist ein Fortkommen auf den steinigen Hochwegen nur noch zu Fuß möglich. Auf ein andermal!

Hinein ins Tal der stećci nach Maculje

Nach einer kurzen Rast im Schatten einer großen Fichte – und Schatten ist hier oben tatsächlich schwer zu finden, entschließen wird uns, den „Plan B“ für diesen Tag anzugehen, und noch eine weiter Stätte mit stećci anzufahren. Wie richtig die Entscheidung sein sollte, ahnten wir allerdings zu diesem Zeitpunkt noch nicht … Also zurück ins Tal, nach Novi Travnik und dann – Google Maps sei Dank – zielgenau Richtung Maculje.

Die Straße windet sich durch ein grünes kleines Flusstal mit kleinen Siedlungen. Neben den Moscheen begegnen uns dort auch immer wieder kleine Ansammlungen von stećci – und sie sind hier sogar deutlich ausgeschildert: Bistro, Opara, Lisac und schließlich Maculje.

Die schön restaurierte Stätte bei Maculje
Die schön restaurierte Stätte bei Maculje

Idyllisch auf einer Blumenwiese gelegen, wurde diese Stätte im Rahmen des UNESCO Weltkulturerbe-Programms vor einigen Jahren aufgearbeitet: Einige der zahlreichen stećci wurden ausgegraben, von Schmutz und der Patina der Jahrhunderte befreit und wieder in ihre ursprüngliche, aufrechte Stellung gebracht. Nun lassen sich die uralten Reliefs bewundern, und man erahnt die Atmosphäre dieses Ortes, wie sie vor vielen Jahrhunderten einmal gewesen ist, als die Erbauer dieser Steine ihr Werk vollbrachten.

Wertvolle Begegnungen an den Steinen

Während wir die wuchtigen Gedenksteine – oder besser Kunstwerke bewundern, nähert sich auf der engen Asphaltstraße ein braungebrannter, drahtiger Mann mit Wanderstock. Wir ergreifen die Gelegenheit beim Schopf und fragen ihn, ob er uns etwas über diese Sehenswürdigkeit erzählen kann. Und tatsächlich zeigt sich der Mittfünfziger sehr gut informiert: Durch sein Studium in vergleichender Religionswissenschaft an der philosophischen Fakultät in Sarajevo hatte er schon Anfang der 90er Jahre einen engen Bezug zum Thema aufgebaut. Sogar den bekannten bosnischen Historiker und Bogomilen-Kenner Muhamed Filipović hatte er noch als Dozenten erlebt, bevor der Bosnienkrieg die Vorlesungen 1992 jäh und brutal unterbrach.

Stećci bei Maculje
Stećci bei Maculje

„Gehen wir doch ein wenig hier in den Schatten, dann kann ich gern mein Internet mit euch teilen und zünde mir mal eine Zigratte an …“ ist der Auftakt für ein längeres und sehr interessantes Gespräch über die stećci und die bosnische Geschichte, Europa und vieles dazwischen. „Nach dem Krieg habe ich vier Jahre lang Kindern aus dem ganzen Land, besonders aus den Städten, hier in der Gegend die Natur und die stećci nahegebracht. Und ihnen vermittelt, dass jedes Kind gleich ist, egal ob katholisch, orthodox oder muslimisch. Wir sind doch alle Menschen!“

Auf die Frage unsererseits, wie denn die Bosnier so zur EU stehen, kommt eine klare Antwort: „Klar, alle wollen in die Union, viele haben ja schon in Deutschland und so gearbeitet – auch in der Republika Srpska. Wer will denn schon nach Russland oder in die Türkei? Das sind doch nur die Politiker, die so ein Bild von Bosnien verbreiten.“

„Aber zurück zu den Bogomilen … Ich würde euch das Werk von Nada Klaič empfehlen, sie war eine kroatische Historikerin in Jugoslawien … Auch das Franziskanerkloster in Fojnica kann ich euch empfehlen. Ob es Verbindungen zwischen Katharern und Bogomilen gab? Ja klar, auch ich denke auch mit den Templern – schaut euch nur mal das Kreuz auf diesem stečak hier an: Das ist ein Templerkreuz! Heutzutage sind wir ja dabei, die ganzen Orte überhaupt mal systematisch zu erfassen, das gibt es bisher nicht vollständig. Jede Woche taucht eine neue Stätte auf … Inzwischen wird das sogar über Facebook-Gruppen organisiert, wo man neue Funde melden kann – ein Professor betreut es.“

Inzwischen sind auch zwei Damen aus dem nahegelegenen Bauernhof auf unseren Besuch aufmerksam geworden. Sie kommen mit ihren zwei Hunden zu uns – und als sie den Infostand auf dem Gelände aufschließen wird klar: Sie sind hier die „Museumswärterinnen“ und geben uns gern Auskunft, Infos, und das eine oder andere Souvenir. Mit vielen Geschichten über die Restaurierung der stećci ziehen wir weiter: „Macht gerne Werbung auf Facebook und so für uns, damit noch viele Leute hier vorbeikommen!“

Abendkontraste in Zenica

Durch sanfte, grüne, dicht bewaldete Hügel geht es in Richtung der Industriestadt Zenica. Am Fluss Bosna gelegen, ist diese postkommunistische Industriestadt ein moderner Kontrast zu unseren bisherigen Übernachtungen: Das Business-Hotel liegt dem Fußballstadion „Bilino Polje“ gegenüber und bietet einen gehobenen, internationalen Service für Geschäftsleute – aber zum Preis einer deutschen Jugendherberge.
Sporttraining in Zenica
Sporttraining in Zenica

Von der Terrasse aus blicken wird auf einen hell beleuchteten, modernen Rasensportplatz, auf dem eine Gruppe Teenager in einer gemischten Mannschaft Rugby trainiert. Nebenan vergnügen sich einige Kinder jauchzend in einem Trampolinpark. Solchen Szenen könnte man vermutlich auch in einer typisch amerikanischen Stadt begegnen. 

Doch die zahlreichen Spaziergängerinnen mit Schleier erinnern uns wieder daran, dass wir in einem einzigartigen Land zu Gast sind. Wie inzwischen wieder vielerorts in Bosnien leben auch hier in Zenica sehr verschiedene Kulturen eng und friedlich miteinander.

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