Tag 5: Zwei Königsburgen – Vranduk und Bobovac

Auf den Spuren der Bogomilen durch Bosnien und die Herzegowina: Im Juni 2022 machten wir uns auf dem Weg, und bereisten zwei Wochen lang die Region. Dieser Reisebericht erzählt von den zahlreichen Etappen auf unserem Weg, den Sehenswürdigkeiten, Erlebnissen und Begegnungen mit vielen hilfsbereiten Menschen vor Ort, die uns oft gerne das Land und seine Geschichte näher brachten.

Auf den Spuren von Kulin Ban

Am nächsten Morgen zieht es uns zuerst im Kulin Ban-Gedenkpark am Ufer der Bosna. Zwischen grauen Hochhäusern und einem Betonparkplatz findet sich tatsächlich ein kleiner, grüner Park mit einigen sehenswerten Stücken zur Erinnerung an den berühmten „ersten Ban Bosniens“ und die Abschwörung von Bilino Polje.

Gedenkplatte im Park Kulina Bana in Zenica
Gedenkplatte im Park Kulina Bana in Zenica

Ein altes Ehepaar beobachtet mich aufmerksam und fragt dann: „Du kommst doch aus Slowenien, oder? Schön dass sich jemand für unsere Geschichte hier interessiert!“

Auf dem Weg nach Vranduk

Nach einem kurzen Besuch im Heimatmuseum von Zenica fahren wir entlang der Bosna zum idyllisch in einer Flussschleife gelegenen Örtchen Vranduk, mit seiner im Rahmen eines EU-Projekts liebevoll restaurierten Zitadelle.

Stahlwerk in Zenica
Stahlwerk in Zenica
Doch bevor wir das mittelalterliche Idyll genießen können, geht es zunächst vorbei an einer gigantischen Industrieanlage: Die Željezarna Zenica ist heute ein rostrotes, kolossales Stahlkombinat aus den Hochzeiten jugoslawischer Planwirtschaft. Kilometerweit ziehen sich Hallen, Halden und Schornsteine der einst zu den größten Stahlhütten Europas zählenden Anlage. Heute ist sie Teil des weltweit operierenden, indischen Konzerns ArcelorMittal.

Eintauchen ins Mittelalter

Wir lassen sie erleichtert hinter uns und sehen Vranduk bald vor uns. Der Fluss fließt hier gemütlich und kristallklar durch üppige Wälder, am Ufer bauen Anwohner ihr Gemüse an – man fühlt sich schon fast 500 Jahre zurückversetzt. Damals verlief hier einer der Haupthandelswege zwischen der pannonischen Tiefebene Kroatien-Ungarns in Richtung Adria, und entsprechend wichtig war diese Festung.

Blick aus dem Tal der Bosna hinauf nach Vranduk
Blick aus dem Tal der Bosna hinauf nach Vranduk

An diesem schwül-heißen Sommerstag sind wir allerdings die einzigen Besucher im Ort. Ein unbeleuchteter, einspuriger Straßentunnel führt zu einer schmalen Auffahrt hinauf auf den Burgberg. Einige alte Damen sitzen dösend in der Sonne, und als wir parken wird es geschäftig: Holzbuden voller Stick- und Strickwaren öffnen sich, und ein freundliches „Što vam treba?“ – „Was brauchen Sie?“ kommt uns entgegen.

Historischer Ortskern von Vranduk
Historischer Ortskern von Vranduk

Nachdem wir freundlich, aber bestimmt erklärt haben, mehr an der historischen Burg interessiert zu sein, wird die Fremdenführerin des Ortes verständigt und erwartet uns. Auf dem Weg zum Bergfried findet sich noch ein schmucker Souvenirstand, allerdings ohne Verkäufer: Das funktioniert hier auf Vertrauensbasis, „Bitte das Geld hier in die Box legen!“ sagt ein Schild.

Wir kaufen zwei Eintrittskarten für die Festung und bekommen eine ausgedehnte Privatführung gratis dazu: von einer mittelalterlichen Vorratskammer über eine Festtafel, originalgetreuer Adelskleidung, einigen Schwertern, Rüstungen und bis hin zu einem kompletten Schreibpult lässt sich hier einiges bestaunen.

Wappen des Hauses Kotromanić
Wappen des Hauses Kotromanić
Mittelalterliche Alltagsgegenstände
Mittelalterliche Alltagsgegenstände
Schreibstube in der Festung Vranduk
Schreibstube in der Festung Vranduk

Ein Hinweis auf die Bogomilen

„Wissen Sie etwas über die Bogomilen hier in der Gegend?“ fragen wir unsere Führerin. Sie denkt kurz nach: „Jetzt wo Sie fragen … Es heißt tatsächlich, dass auf der Stelle, wo sich heute die džamija, also die Moschee im Ort befindet, früher ein Haus der bosnischen Christen stand. Das habe ich mal gehört.“ – „Wo das steht? Kann ich Ihnen leider nicht sagen, da müssten Sie in Sarajevo einmal nachforschen, am Bosnischen Institut oder an der Universität …“

Nach einigen fachkundigen Erläuterungen zieht sich die Dame zurück, und wir haben den Innenhof der Burg für uns. Nach einem deftigen, veganen Mittagessen – die zavijača aus Blätterteig, gefüllt mit gekochten Kartoffeln mit Kräutern und Knoblauch ist inzwischen unser Lieblingsessen geworden – machen wir uns auf zum zweiten Ziel des heutigen Tages: der alten Königsstadt Bobovac.

Über Stock und Stein nach Bobovac

Die gut ausgeschilderte Anfahrt über Kraljeva Sutjeska gestaltet sich unkompliziert. Doch kaum haben wir das Franziskanerkloster hinter uns gelassen, wird es unwegsam: Die letzten Kilometer windet sich ein steiler Feldweg aus der „Königsschlucht“ hinauf in die Berge, tief zerfurcht von den letzten Regenfällen.

Aussicht auf die Königsstadt Bobovac
Aussicht auf die Königsstadt Bobovac
Doch die Strapaze lohnt sich schließlich: Zwischen zwei kleinen minarettverzierten Bergdörfern erhebt sich ein langgestreckter Bergrücken – und auf ihm die Überreste der einst stolzen Festungsanlage: Von Ban Stefan II. Kotromanić erbaut und 1349 erstmals erwähnt, blieb sie bis 1463 monumentaler Machtsitz der bosnischen Könige. Nach einer kurzen, aber heftigen Schlacht, in der die osmanische Armee sogar Kanonen aus Nürnberg einsetzte, übergab knez Radak die Anlage den Angreifern. Anstatt der erwarteten Belohnung wurde der Fürst allerdings als Verräter geköpft.
Bergdorf in der Nähe von Bobovac
Bergdorf in der Nähe von Bobovac
Heute ist von der bewegten Geschichte kaum etwas zu erahnen. Die Türken schleiften damals beinahe viele Gebäude und Befestigungen. Das „Königsmausoleum“ wurde wieder aufgebaut und das beeindruckende Areal archäologisch erschlossen. Und so wandern wir bei 35 Grad im Schatten auf gepflegten Trampelpfaden zwischen alten Wehrtürmen, Überresten großer Versammlungshallen, Brunnen und Straßen in dieser nun einsamen Gegend. Hin und wieder ist von Fern der Ruf des hođa, des Muezzin, zu hören – ansonsten stört kein Laut die Stille der weiten Wälder.

Hilfe im richtigen Moment

Der Abend naht, und damit auch die Frage nach einem sicheren Weg nach Visoko, unserer nächsten Station. Denn zurück über den Anfahrtsweg wird es ohne Geländewagen nicht gehen. Doch – wie wir es auf dieser Reise noch häufiger erleben werden – kommt im richtigen Moment Hilfe: Ein dunkelgrauer Golf biegt um die Kurve, hält an, und nach anfänglichem Zögern erklärt uns ein älterer Herr gerne den richtigen Weg: „Ihr fahrt zurück durch das Dorf, dann aber in die rechte Schlucht, und nicht über die Brücke! Das wird zwar dann auch Schotter, aber steckenbleiben werdet ihr da sicher nicht.“

Gesagt, gefahren, und so gelangen wird schließlich, vorbei an Bergdörfern, den verlassenen Fabriken und Eisenbahnanlagen von Varoš, vor Einbruch der Dunkelheit ans Ziel. Ein junges Pärchen ist gleich zur Stelle und serviert uns einen Willkommens-Kaffee und führt uns die in modern eingerichteten Zimmer.

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