Tag 1 & 2: Die Anreise nach Bosnien

Auf den Spuren der Bogomilen durch Bosnien und die Herzegowina: Im Juni 2022 machten wir uns auf dem Weg, und bereisten zwei Wochen lang die Region. Dieser Reisebericht erzählt von den zahlreichen Etappen auf unserem Weg, den Sehenswürdigkeiten, Erlebnissen und Begegnungen mit vielen hilfsbereiten Menschen vor Ort, die uns oft gerne das Land und seine Geschichte näher brachten.

Sonnenuntergang in Slowenien
Sonnenuntergang in Slowenien

Von Deutschland nach Slowenien

Der bequeme Weg über die Alpen – so vertraut, aber seit Corona doch wieder so ungewohnt. Die Fahrt ist angenehm ruhig, und auf den 750 km bleibt viel Zeit, um einige Aspekte bogomilischer Geschichte zu besprechen und zu vertiefen – willkommene Inspiration für neue Recherchen und Texte.

Bei der Einfahrt nach Slowenien über Spielberg – auch hier übrigens wieder offene Grenzen – zucken Blitze über den spätnachmittäglichen Sommerhimmel, und ein leichter Schauer begleitet uns auf den Weg zu einem veganen Bauernhof, wo uns langjährige Freunde erwarten. Die Ankunft fühlt sich so vertraut an wie ein zweites Zuhause – auch wenn unsere letzte Begegnung hier schon viel zu lange her ist.

So mögen sich auch Reisende Bogomilen und Katharer gefühlt haben, die nach vielen Tagen Weg in einer vertrauen hiža ankamen, langbekannte Gesichter erblickten, auf eine herzliche Umarmung und eine warme Mahlzeit in Sicherheit vertrauen konnten.

Die Graupen-Kräutersuppe nach altem slowenischen Bauernrezept ist jedenfalls ein Gedicht! Die Film- und Fotoausrüstung wird nochmal durchgecheckt, und in den Gästezimmern des Hauses sammeln wir Kräfte für den morgigen Tag – die Anreise nach Bosnien.

Auf nach Bosnien

Der Tag beginnt hier kurz nach 5 Uhr – und wie auf einem Bauernhof so üblich mit Hahnenschrei und einem Vogelkonzert. Auf geht es Richtung Bosnien, mit dem Ziel Kupres tief in Landesinneren. Die Anfahrt an die Landesgrenze ist problemlos über die gut ausgebauten Autobahnen, doch dann wird es spannend: Über den Grenzfluss Sava führt eine beinahe antike Eisenträgerbrücke, auf der sich Autos, Busse und Vierzigtonner stauen. Und gleich bei der Einfahrt in die Republika Srpska machen hier die goldglänzende Kuppel der orthodoxen Kirche von Gradiška und ein übergroßes Plakat des umstrittenen Serben-Politikers Milorad Dodik klar, wer hier den Ton angibt.

Slavonski Brod, an der Grenze von Bosnien-Herzgowina zum Norden Kroatiens am Fluss Sava
Slavonski Brod, an der Grenze von Bosnien-Herzgowina zum Norden Kroatiens am Fluss Sava

Nach ein paar Kilometern, gespickt mit Ständen voller medizinballgroßer Melonen und Bergen von Paprika geht es auf die E661 nach Banja Luka. Auf der vor 11 Jahren fertiggestellten Autobahn herrscht allerdings gähnende Leere, wie ein Fremdkörper windet sie sich durch das sanfte, grüne Hügelland. Von den Schildern blättert die Farbe, und statt geplanten Raststätten erwarten den Reisenden fußballfeldgroße Asphaltflächen. 

Am Autobahnkreuz vor Banja Luka schließlich verblasst ein einsames EU-Schild vor einer meterhoch wehenden serbischen Nationalflagge. Durch das Gewühl der Großstadt geht es schließlich in die immer schroffer aufragenden Bergwälder und malerische Schluchten auf der Landstraße hinein ins bosnische Kernland.

Rast in Jajce - mit Überraschung ...

Park mit Sakrophag in Jajce
Park mit Sakrophag in Jajce

Die Straßen sind wider Erwarten gut ausgebaut, und so ist Fahrt ein entspannter Genuss. Kurz nach dem deplatziert wirkenden katholischen Pilgerbau „Sveti Ivan“ – Johannes der Täufer – eröffnet sich schließlich der Blick auf die mittelalterliche Königsstadt Jajce. Auch die Föderative Volksrepublik Jugoslawien wurde hier 1943 ins Leben gerufen. 

Heute ist das Städtchen mit der alles überragenden Festung von Hrvoje Vukčić Hrvatinić und seine schmuck renovierten Altstadt ein Anziehungspunkt für Touristen.

Die Dame von der Touristinfo hat zwar von den Bogomilen noch nie etwas gehört, ebenso wenig wie die freundliche Kellnerin – doch in der Broschüre vom Fremdenverkehrsamt macht uns ein Foto der „Burgkatakomben“ stutzig: Halbmond, Stern und Kreuz sind auch auf zahlreichen stećci zu findende Motive. 

Und tatsächlich erinnert die unterirdisch in den Fels gehauene Halle sehr an eine versteckte Kirche der Bogomilen. Zumal König Vukčić auch als Protektor der Bogomilen bekannt war.

In den Katakomben unter der Festung von Jajce ...
In den Katakomben unter der Festung von Jajce ...

Heute jedenfalls erschallt am späten Nachmittag der Ruf des Muezzin über der altehrwürdigen Stätte. Ein kleiner weißer Hund heult hingebungsvoll dazu – und währenddessen mopst ihm eine schwarze Katze sein Futter aus dem Napf.

Ins Hochland von Kupres

Frisch gestärkt geht es nun noch höher hinaus – Kupres, auf 1.200 Meter über dem Meer gelegen, ist in Bosnien heute als Wintersportort bekannt. Die Straße windet sich wildromatisch am Fluss entlang, Haarnadelkurven und in den blanken Fels gehauene, unbeleuchtete Tunnel inklusive. Es wird eifrig gebaut, und vorbei an wuchtigen Reisebussen und hupenden Ladas schlängeln wir uns durch die Großbaustelle. Am Straßenrand sind nun immer wieder wild lebende Hunde zu sehen, beinahe jeder Parkplatz hat seinen auf Futter wartenden „Wächter“. Auch das, wie manch eine überwucherte Hausruine am Straßenrand, eine später Folge des erbarmungslosen Zerfallskrieges der 90er Jahre.

Ein abendlicher Blick auf Kupres
Ein abendlicher Blick auf Kupres

Auf dem Höhenrücken angekommen, öffnet sich ein beeindruckender Panoramablick auf das Hochtal von Kupres. Die Kleinstadt an sich ist vor allem im Winter belebt und nicht außergewöhnlich, wäre da nicht die heute beinahe vergessene bogomilische Vergangenheit – und die neu errichtete überdimensionale katholische Großkirche. Auch nachts hell erleuchtet, dominiert der überdimensionale Bau das gesamte Ortsbild und drückt die religiösen Machtverhältnisse hier unmissverständlich aus – genau wie die kroatische Schachbrettflagge am Berghang oberhalb des Ortes. Vor dem Eingang dieses katholischen Protzbaus hängt ein in Holz geschnitzter, gemarterter Jesus am Kreuz. Das Kruzifix – ein Symbol der Folter, das die bosnischen Christen im Mittelalter mit Nachdruck ablehnten.

Der Vermieter unserer gemütlich eingerichteten Ferienwohnung allerdings scheint es mit der sprichwörtlichen bosnischen Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft zu halten: „Sie möchten was über die Bogomilen erfahren? Ich sage gern dem Kaplan in der Kirche Bescheid, ob er Ihnen helfen kann …“ Auf die Erklärung, dass nun die Bogomilen und der katholische Klerus nicht unbedingt Freunde waren, folgt kurz ein leicht nachdenkliches Schweigen. „Dann interessiert Sie ja vielleicht der Nachbarort, da gibt es neben den Resten der alten Kirche eine ganz neue, und ein paar stećci müssten dort auch noch sein!“

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